Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf Ungleichheit? Welche großen Herausforderungen erwarten uns in Zukunft? Und was kann getan werden, um Ungleichheiten zu überwinden? Mit diesen zentralen Fragen befassten sich fünf renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am 19. Juni 2020 im Rahmen einer Online-Sonderveranstaltung der Reihe ZEW Research Seminare  mit fast 300 Teilnehmenden aus der ganzen Welt.

Am ZEW Research Seminar zum Thema Covid-19 und ökonomische und soziale Ungleichheit nahmen weltweit 300 Teilnehmer teil.
Die fünf Wissenschafterlinnen und Wissenschaftler diskutierten über die globalen Auswirkungen des Corona-Virus auf ökonomische und soziale Ungleichheit.

Die virtuelle Veranstaltung wurde vom ZEW Mannheim organisiert, in Zusammenarbeit mit der Università Cattolica del Sacro Cuore di Milano (UniCatt) und der Society for the Study of Economic Inequality (ECINEQ). Auf fünf Blitz-Vorträge folgten angeregte Diskussionen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

COVID-19, die Verschärfung der großen Kluft?

Den ersten Vortrag hielt Stephen Jenkins, Professor für Wirtschafts- und Sozialpolitik an der London School of Economics und designierter Präsident der Vereinigung zur Erforschung der wirtschaftlichen Ungleichheit (Society for the Study of Economic Inequality). Jenkins sprach über die Auswirkungen von COVID-19 auf die Gesundheits- und Einkommensungleichheit in Großbritannien. Er kam zu dem Schluss, dass der durch die Corona-Pandemie erzeugte Schock auch „die kollektive Bereitschaft für einen progressiven Politikwechsel wecken“ könnte, obwohl er diesen Schock auch als „die Große Rezession mit vierfacher Geschwindigkeit“ beschrieb. Daniele Checchi , Professor für Wirtschaftswissenschaften an der staatlichen Universität Mailand (Università Statale di Milano) und Leiter der Generaldirektion für Forschung am italienischen Institut für soziale Sicherheit, zeigte anhand von Echtzeitdaten, dass die Corona-Pandemie einen asymmetrischen Schock in allen Regionen und Sektoren Italiens ausgelöst hat und erörterte die getroffenen Gegenmaßnahmen zur Eindämmung. Mariano Tommasi, Wirtschaftsprofessor und Direktor des Center of Studies for Human Development an der Universidad de San Andrés in Buenos Aires, besprach die Auswirkungen der Pandemie auf die Armen und Schwachen in Entwicklungsländern, insbesondere Lateinamerika. Er erläuterte, weshalb diese Effekte angesichts eines ausgeprägten informellen Sektors und geringer sozialer Absicherung besonders spürbar sind.

Michèle Tertilt, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und Trägerin des Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises 2019 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), präsentierte ihre neuesten Ergebnisse zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die Ungleichheit zwischen den Geschlechter. Ihre Ergebnisse verdeutlichen, dass Frauen – im Gegensatz zu früheren Rezessionen – in der aktuellen Corona-Krise von Beschäftigungsverlusten und Kinderbetreuungspflichten infolge langanhaltender Schulschließungen viel stärker betroffen sind als Männer. Miles Corak, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der City University of New York und Senior Scholar am Stone Center for Economic Inequality, skizzierte die möglichen Auswirkungen der Pandemie auf künftige Generationen. Er argumentierte, dass die ungleichen Auswirkungen der Pandemie auf unsere Gesellschaft zeigen, dass „COVID-19 nicht der große Gleichmacher, sondern der große Offenbarer ist“, weshalb er ein öffentliches Maßnahmenprogramm zur Förderung der Chancengleichheit und zur Abschwächung der Pandemiefolgen vorschlug.

Zunehmende Ungleichheiten erfordern gezielte Sozialpolitik

Die Rednerinnen und Redner schilderten, wie die Corona-Krise bereits bestehende Ungleichheiten in Bezug auf Gesundheit, Arbeitsmarktergebnisse und Lebensbedingungen in sozio-ökonomischen und demographischen Gruppen weiter verschärft. Sie alle äußerten sich besorgt über die langfristigen Auswirkungen von COVID-19, z. B. auf soziale Mobilität und Chancengleichheit, da viele Aspekte der Ungleichheit in den kommenden Monaten wahrscheinlich weiter zunehmen werden. Gleichwohl wurden auch Gründe für einen langfristig  optimistischeren Blick auf Ungleichheit beleuchtet. So federten in einigen Ländern die Sozialsysteme zumindest kurzfristig Arbeitsplatzverluste ab, während Erkenntnisse aus dem Vereinigten Königreich zeigen, dass das Bündeln von Risiken innerhalb der Haushalte dabei helfen kann, individuelle Einkommensverluste auszugleichen. Darüber hinaus hat die aktuelle Krise einen Anstieg verschiedener Formen von Solidarität gefördert und zunehmende flexible Arbeitszeitregelungen, die Väter in einigen Familien zu mehr Kinderbetreuung veranlasst haben, könnten zu geänderten Geschlechternormen beitragen. Auch wenn die Krise sicherlich dauerhafte Probleme offenbart, könnte sie doch eine Chance zur Neugestaltung der Sozialpolitik sein, um Armut und Ungleichheit zu bekämpfen.

Die Rückmeldungen aus dem Publikum waren äußerst positiv. Insgesamt 269 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt verfolgten die virtuelle Veranstaltung und beteiligten sich aktiv mit interessanten Fragen. Die Referentinnen und Referenten, zugeschaltet aus fünf verschiedenen Ländern in vier verschiedenen Zeitzonen, und das Organisationsteam –  ZEW-Arbeitsmarktökonomin Dr. Sarra Ben Yahmed, ZEW-Arbeitsmarktökonom Dr. Guido Neidhöfer sowie UniCatt-Professor und ZEW Research Associate Lorenzo Cappellari – werden den Input aus diesem vielseitigen und fruchtbaren Austausch für ihre zukünftige Zusammenarbeit nutzen.