Zum zweiten Mal in Folge hat sich die konjunkturelle Lage bei den unternehmensnahen Dienstleistern nicht weiter verbessert. Bereits im dritten Quartal 1998 wurde die Geschäftslage als unverändert gegenüber dem Vorquartal eingestuft. Im vierten Quartal 1998 sind Umsätze und Erträge gegenüber dem Vorquartal saisonbereinigt wiederum nahezu unverändert geblieben. Bei der Nachfrage hat es erstmals seit dem dritten Quartal 1996 eine Verschlechterung gegeben.

Nach Meinung von Professor Wolfgang Franz, Direktor des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim und Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, spiegelt die derzeitige Situation bei den unternehmensnahen Dienstleistern die Unsicherheit der Unternehmer hinsichtlich der zukünftigen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung wider. Eine echte konjunkturelle Trendwende bei den unternehmensnahen Dienstleistern sei mittelfristig eher unwahrscheinlich. Denn nach wie vor werden Umsätze, Nachfrage, Ertrag und Personalbestand insgesamt als sehr positiv beurteilt. Insbesondere haben im vierten Quartal 1998 saisonbereinigt wieder mehr Firmen Personal eingestellt als entlassen. Die Verbesserung zeigt sich besonders deutlich im Vorjahresvergleich. Mit Ausnahme des Winterquartals 1997 hat es beim Personalbestand ab Mitte 1996 fortlaufende Aufstockungen gegeben. Seit etwa einem Jahr gelingt es auch einer steigenden Anzahl von Unternehmen, kleinere Preiserhöhungen am Markt durchzusetzen.

Auf konjunkturelle und jahreszeitliche Nachfrageschwankungen reagieren die unternehmensnahen Dienstleister vor allem mit der Anpassung der Arbeitszeiten, nicht aber mit Anpassungen beim Personalbestand. Einen immer größeren Stellenwert bei der Anpassung an Nachfrageschwankungen erhalten Weiterbildungsmaßnahmen. Vor allem Weiterbildungsmaßnahmen, die einem flexibleren Einsatz von Mitarbeitern im Unternehmen dienen, sind bei den unternehmensnahen Dienstleistern beliebt. Neueinstellungen werden als Reaktion auf positive Nachfrageschwankungen nur in Branchen mit lang anhaltendem Wachstum vorgenommen.

Diese Ergebnisse gehen aus einer repräsentativen Umfrage hervor, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim in Zusammenarbeit mit dem Verband der Vereine Creditreform, Neuss im Dezember 1998 durchgeführt hat. An der Umfrage beteiligten sich 1.100 Unternehmen. Zum Wirtschaftszweig unternehmensnahe Dienstleistungen zählen Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater, Architekten, technische Planer, Kfz-Vermieter, Maschinenvermieter, Speditions- und Logistikunternehmen, EDV-Dienstleister, Werbeagenturen sowie Unternehmen der Abfallwirtschaft.

Ausführliche Hintergrundinformation

Zwar sprechen die positive Beurteilung der Personalsituation und das hohe Niveau der übrigen Geschäftsfaktoren gegen eine Abkehr von der anhaltenden Aufwärtstendenz bei den unternehmensnahen Dienstleistern. Allerdings haben sich die Geschäftserwartungen für das erste Quartal 1999 eingetrübt. Bisher waren die Erwartungen für die nächsten Quartale stets sehr viel optimistischer als die Beurteilung des jeweils gegenwärtigen Quartals. Die augenblickliche Unsicherheit über die weitere gesamtwirtschaftliche Entwicklung hinterläßt hier deutliche Spuren. Nur bei der Ertragslage und den Preisen wird eine Verbesserung gegenüber dem vierten Quartal 1998 erwartet.

Die mittelfristigen Perspektiven der unternehmensnahen Dienstleister werden entscheidend von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland abhängen. Die Lage ist bisher uneinheitlich: Einer regen Investitionstätigkeit vor allem im Anlagebereich stehen eine abflauende Exportkonjunktur und ein sinkender Auftragsbestand gegenüber. Zusätzlich bleibt die Konsumgüternachfrage bisher noch ohne Schwung.

Impulse für technische Planer und Architekten

Neue Impulse können nach Meinung vieler Wirtschaftsforscher ab Mitte 1999 von der bisher schwachen Baukonjunktur ausgehen. Vor allem im Wohnungsbau wird ein Aufschwung erwartet. Ein Anziehen der Baukonjunktur wird für neuen Schwung bei den Architekten und technischen Planern sorgen. Bislang sind diese beiden Branchen die Sorgenkinder bei den unternehmensnahen Dienstleistern. Die Verbesserung der Baukonjunktur wird sich jedoch überwiegend auf Westdeutschland beschränken. Für die immer noch stark von der Bauwirtschaft abhängigen Neuen Länder ist daher mittelfristig nicht mit einer durchgreifenden Verbesserung der konjunkturellen Lage zu rechnen. Damit können die ostdeutschen unternehmensnahen Dienstleister auch 1999 nicht recht Tritt fassen. Der deutliche Unterschied bei der Beurteilung der konjunkturellen Lage zwischen west- und ostdeutschen unternehmensnahen Dienstleistern wird deshalb weiter Bestand haben. Seit mehr als drei Jahren beurteilen sie ihre konjunkturelle Situation schlechter als die Unternehmen aus den Alten Ländern.

Abfallwirtschaft weiter im Abwärtstrend, EDV-Dienstleister und Unternehmensberater im Boom

Ähnlich wie für die ostdeutschen unternehmensnahen Dienstleister ist auch für die Unternehmen der Abfallwirtschaft kein Hoffnungsschimmer in Sicht. Seit Anfang 1995 verschlechtert sich in dieser Branche die Lagebeurteilung. Die Branche hat mit erheblichen Überkapazitäten zu kämpfen. Erschwerend kommt, ebenso wie bei den Architekten und technischen Planern, das Problem "scheinprivatisierter" ehemals öffentlicher Unternehmen hinzu.

Boombranchen bei den unternehmensnahen Dienstleistern bleiben EDV-Dienstleister und Unternehmensberatungen. Die Nachfrage nach Standardsoftwareprogrammen und deren Installation sowie nach Informations- und Kommunikationstechnologien ist ungebrochen. Die Umstellung auf den Euro und das nächste Jahrtausend sorgen für zusätzliche Impulse. In einer guten konjunkturellen Situation befinden sich auch Fahrzeugvermieter sowie Speditionen und Lagereien. Bei den Maschinenvermietern verläuft die Konjunktur wenig schwungvoll, ein Anziehen der Baukonjunktur wird aber für neuen Antrieb sorgen. Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erfreuen sich einer gleichbleibend soliden Entwicklung. Die Werbewirtschaft entwickelt sich unbeeindruckt vom EU-Tabakwerbeverbot weiter positiv.

Aufgrund der insgesamt guten konjunkturellen Lage bei den unternehmensnahen Dienstleistern und der guten Personalsituation ist bis Mitte 1999 nicht mit einer konjunkturellen Trendwende, wohl aber mit einer Abschwächung des Aufwärtstrends zu rechnen. Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung ist jedoch größer geworden. Mittelfristig wird die Entwicklung vom Anziehen der Baukonjunktur und einer Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen Binnennachfrage wesentlich mitgeprägt werden.

Häufiger konjunkturelle als saisonale Nachfrageschwankungen

Die Abhängigkeit der unternehmensnahen Dienstleister von der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung führt dazu, daß die Unternehmen dieses Wirtschaftszweiges zunehmend von Nachfrageschwankungen betroffen sind. Dabei sind konjunkturelle Einflüsse stärker ausgeprägt als saisonale Schwankungen. Konjunkturellen Schwankungen sind 45 Prozent der Unternehmen ausgesetzt. Rund 32 Prozent der unternehmensnahen Dienstleister geben bei der ZEW/CREDITREFORM Konjunkturumfrage an, von saisonalen Nachfrageschwankungen betroffen zu sein. Sowohl konjunkturelle als auch saisonale Nachfrageschwankungen sind bei ostdeutschen unternehmensnahen Dienstleistern stärker ausgeprägt als bei ihrer westdeutschen Konkurrenz.

Zwischen den einzelnen Branchen der unternehmensnahen Dienstleister gibt es hinsichtlich der Nachfrageschwankungen einige Unterschiede. So sind technische Planer und Architekten von Nachfrageschwankungen wegen ihrer Abhängigkeit vom Baugewerbe besonders häufig betroffen. Auch Fahrzeug- und Maschinenvermieter sind im Vergleich zu den übrigen unternehmensnahen Dienstleistern häufig Nachfrageschwankungen ausgesetzt. EDV-Dienstleister, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer sowie Unternehmen der Abfall- und Abwasserwirtschaft hingegen werden von Nachfrageschwankungen weniger berührt.

Überstunden und Kurzarbeit zum Ausgleich von Nachfrageschwankungen

Beliebtestes Mittel zum Ausgleich von Nachfrageschwankungen bleiben Überstunden bzw. Kurzarbeit. Gegenüber den Jahren 1996 und 1997 hat sich die Bedeutung dieser "klassischen" Instrumente aber abgeschwächt. An Bedeutung gewonnen haben bei den unternehmensnahen Dienstleistern Weiterbildungsmaßnahmen, die auf einen flexibleren Einsatz von Mitarbeitern im Unternehmen abzielen. Diese Maßnahme rangiert an zweiter Stelle. Vor allem Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, EDV-Dienstleister und Unternehmensberatungen versuchen, die Mitarbeiter durch Weiterbildungsmaßnahmen für verschiedene Aufgaben flexibel einsetzbar zu machen. Auch die Nutzung freier Kapazitäten zur Weiterbildung der Mitarbeiter spielt eine wichtige Rolle. Häufig eingesetzte Maßnahmen sind außerdem die Befristung von Arbeitsverträgen und die stärkere Automatisierung von Arbeitsprozessen.

Weniger verbreitet sind konjunkturelle bedingte "Hire and Fire"-Strategien sowie der Einsatz geringfügiger Beschäftigung. Deren Bedeutung ist gegenüber 1997 zwar deutlich gewachsen, bleibt jedoch auf geringem Niveau.

Möglichkeiten zur Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse durch den Einsatz freier Mitarbeiter, durch Teilzeitarbeit oder durch die Einführung von Lebensarbeitszeitmodellen (Zeitsparkonten) werden von den unternehmensnahen Dienstleistern bislang nur wenig eingesetzt. Gerade diese drei Anpassungsformen werden zwar prinzipiell als gute Antwort auf Nachfrageschwankungen aufgefaßt, bislang aber noch wenig in die Praxis umgesetzt. Der Widerspruch in der generellen positiven Beurteilung dieser modernen Formen von Arbeitsverhältnissen und ihrer konkreten Umsetzung weist auf ein deutliches Entwicklungspotential hin. Sachverständigenratsmitglied Franz weist darauf hin, daß hier die Unternehmer gefordert sind, die Wirtschaftspolitik aber auch für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen hat.

Neueinstellungen nur bei anhaltendem Aufwärtstrend

Die unterschiedliche konjunkturelle Situation in den einzelnen Branchen wird auch in der Art und Weise, wie auf Nachfrageschwankungen reagiert wird, sichtbar. So wird die Befristung von Arbeitsverträgen vor allem bei Architekten, technischen Planern und der Abfallwirtschaft eingesetzt. Offenbar gibt es hier ein Überangebot an qualifizierten Arbeitskräften, das bereit ist, auch einen befristeten Arbeitsvertrag anzunehmen. Ebenso werden Entlassungen von Architekten und technischen Planern als Reaktion auf negative Nachfrageentwicklungen eher vorgenommen als von Unternehmen der übrigen Branchen der unternehmensnahen Dienstleister. Gleichzeitig wird die geringfügige Beschäftigung aber gerade bei Architekten und technischen Planer sowie auch bei EDV-Dienstleistern besonders wenig angewendet. Die geringeren Arbeitskosten können also fehlende Qualifikationen nicht ausgleichen.

Auf positive Nachfrageschwankungen antworten vor allem EDV-Dienstleister und Unternehmensberater mit Neueinstellungen. Architekten und technische Planer, aber auch Spediteure und die Werbewirtschaft vergeben in Boomphasen häufiger Unteraufträge an Konkurrenten als die übrigen unternehmensnahen Dienstleister.

Insgesamt zeigt sich, daß die unternehmensnahen Dienstleister zum Ausgleich von Nachfrageschwankungen selten die Anzahl der Arbeitskräfte verändern. Vielmehr versuchen sie, die Arbeitszeit anzupassen und die Flexibilität der Arbeitskräfte zu erhöhen. Die Unternehmen scheuen offenbar das Risiko, in Aufschwungphasen neu eingestelltes Personal in schlechten Zeiten wieder entlassen zu müssen. Deshalb stellen auch nur die Branchen, die in den vergangenen Jahren einen anhaltenden Aufschwung erlebt haben, bei positiven Nachfrageschwankungen vergleichsweise häufig neues Personal ein.

Ansprechpartner

Prof. Dr. Ulrich Kaiser, Telefon: 0621/1235-194, E-Mail: kaiser@zew.de

 

Die Konjunkturumfrage von ZEW und Creditreform wird seit dem zweiten Quartal 1994 vierteljährlich durchgeführt. Ein repräsentativ ausgewählter Querschnitt von 3800 Unternehmen wird von ZEW und Creditreform seit dem zweiten Quartal 1994 vierteljährlich befragt. Die Stichprobe wird regelmäßig um Unternehmensneugründungen aufgefrischt.

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsbereiches Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim. Das ZEW wurde im Jahr 1990 in einer gemeinsamen Initiative der baden-württembergischen Landesregierung, der Landeskreditbank Baden-Württemberg und der Universität Mannheim gegründet. Die Forschungsausrichtung liegt im einzelwirtschaftlichen Bereich, der Branchenanalyse und der Ökonometrie. Rund 70 Wissenschaftler sind am ZEW in den Forschungsbereichen Internationale Finanzmärkte, Arbeitsmärkte, Industrieökonomik, Umweltökonomik und Unternehmensbesteuerung tätig. Im Forschungsbereich Industrieökonomik und Internationale Unternehmensführung beschäftigen sich 22 Wissenschaftler mit dem Innovationsverhalten der deutschen Wirtschaft, der Entwicklung von Märkten und Regionen sowie der Analyse des Dienstleistungssektors.

Datum

19.01.1999

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