Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat zu einem erheblichen Einbruch der Wirtschaftsleistung sowie zu einer Verschlechterung der Arbeitsmarktsituation in einer Reihe von Industrieländern geführt. Oftmals wird diesen Ländern empfohlen, Reformen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt – Arbeitsmarktinstitutionen - durchzuführen, um etwa die Arbeitslosigkeit zu verringern. Dies können Reformen sein, die Reallokationsprozesse verbessern oder die Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. Allerdings wird von einigen Autoren die These vertreten, dass eine institutionelle Reform nicht zwingend den gleichen (positiven) Effekt in verschiedenen Ländern haben muss. Vielmehr hängt der Effekt einer solchen Reform vom jeweiligen länderspezifischen institutionellen Umfeld ab. Trotz zahlreicher theoretischer sowie empirischer Beiträge zur Bedeutung von Arbeitsmarktinstitutionen für den Arbeitsmarkt sind allerdings Erkenntnisse über die Wirkungsweise von institutionellen Veränderungen in Abhängigkeit vom länderspezifischen institutionellen Umfeld rar.

In dieser Studie wird die Bedeutung von Wechselwirkungen zwischen verschiedenen arbeitsmarktinstitutionellen Faktoren für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit untersucht. Dabei bauen wir auf dem allgemeinen theoretischen Modell von Belot und van Ours (2004) auf, um diejenigen institutionellen Faktoren zu identifizieren, die theoretisch eine solcheWechselwirkung aufweisen können. Um Interaktionen ökonometrisch adäquat abbilden zu können, wenden wir eine in diesem Forschungsfeld innovative Modellselektionsmethode an, die mit einem klassischen dynamischen Schätzer kombiniert wird. Auf diese Weise werden für ein Panel mit jährlichen Beobachtungen von 2001 bis 2008 für 26 Ländern institutionelle Interaktionen höherer Ordnung empirisch identifiziert, die für die Entwicklung der Arbeitslosigkeit von Bedeutung sind. Im Gegensatz zur bisherigen Literatur fokussiert der Beitrag auf die Arbeitsmarkteffekte institutioneller Interaktionen höherer Ordnung, d.h. einer Wechselwirkung zwischen mehr als zwei institutionellen Faktoren. Zudem ist die Studie eine der ersten, die ein dynamisches Modell für die Identifikation von institutionellen Wechselwirkungen heranzieht, wodurch zum einen Probleme der Modellspezifikation abgemildert werden und zum anderen kurzfristige Anpassungsreaktionen von Änderungen des institutionellen Umfelds abgebildet werden können. Dadurch gelingt es, ein präziseres und detaillierteres Bild von Wechselwirkungen zwischen institutionellen Faktoren und deren Bedeutung für den Arbeitsmarkt auf makroökonomischer Ebene zu zeichnen.

Die Ergebnisse legen nahe, dass vor allem quantitativ, aber auch qualitativ erhebliche Unterschiede in den Arbeitsmarkteffekten durch bestimmte institutionelle Änderungen zwischen den untersuchten Industrieländern bestehen. Dementsprechend hängt die Wirkung einer Reform des Kündigungsschutzes, der Arbeitslosenunterstützung, der Arbeitsbesteuerung, der Koordination der Lohnverhandlungen sowie der Lohnverhandlungsmacht entscheidend vom länderspezifischen institutionellen Umfeld ab. Dies stellt auch die Direktive einer “best-practice” Politik in Frage. Der Hinweis auf die Existenz von Interaktionen höherer Ordnung ist ebenfalls von erheblicher Bedeutung für die theoretische Literatur, die sich mit der Modellierung der Wirkung spezifischer Reformmaßnahmen beschäftigt. Schließlich deuten die Resultate darauf hin, dass insbesondere Änderungen des Systems der Arbeitslosenunterstützung sowie des Kündigungsschutzes Arbeitsmarkteffekte zeigen, die sowohl quantitativ als auch qualitativ zwischen den Ländern stark differieren.

Sachs, Andreas und Frauke Schleer (2013), Labour Market Performance in OECD Countries: A Comprehensive Empirical Modelling Approach of Institutional Interdependencies, ZEW Discussion Paper No. 13-040, Mannheim, erschienen in: International Economic Journal, DOI: 10.1080/10168737.2019.1612934. Download

Schlagworte

Labour market institution, institutional interdependencies, model selection, heuristic optimization