Mehr Zertifikate lösen Europas strukturelle Wettbewerbsprobleme kaum
KommentarZEW-Ökonom Prof. Dr. Sebastian Rausch zum Reformpaket für den Europäischen Emissionshandel (ETS)
Die EU-Kommission stellte heute Vormittag das Reformpaket für den Europäischen Emissionshandel (ETS) vor. Darin gibt sie der Industrie mehr Zeit, ihre Emissionen zu senken, ebenso wie eine Milliardenentlastung und schwächt somit ihr wichtigstes Klimaschutzinstrument ab. Sebastian Rausch, Professor an der Universität Heidelberg und Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Umwelt- und Klimaökonomik“ am ZEW Mannheim, kommentiert:
„Die Kommission versucht einen schwierigen Spagat: Sie verringert den künftigen Knappheitsdruck im Emissionshandel und will zugleich Investitionen in Elektrifizierung und Dekarbonisierung beschleunigen. Der zweite Ansatz ist richtig, der erste riskant. Mehr Zertifikate lösen Europas strukturelle Wettbewerbsprobleme kaum, können aber Investitionsanreize und die Glaubwürdigkeit des CO₂-Preises schwächen.
Die Kopplung kostenloser Zertifikate an überprüfbare Klimaschutzinvestitionen weist in die richtige Richtung. Die Exportlücke des CBAM liefert ein ökonomisches Argument für eine befristete Fortführung der freien Zuteilung. Ihre Kopplung an zusätzliche, überprüfbare Transformationsinvestitionen verbessert das Instrument – zielgenauer wäre allerdings eine im Wettbewerb vergebene Investitionsförderung.
Ökonomisch sinnvoll ist es, für schwer vermeidbare Restemissionen einen realistischen Pfad über 2039 hinaus vorzusehen. Die Abflachung des Caps schon ab 2031 geht jedoch weiter: Sie erhöht die kumulierte Zertifikatsmenge gegenüber geltendem Recht. Bleiben die EU-Klimaziele unverändert, müssen die zusätzlichen ETS-Emissionen durch stärkere Minderungen in anderen Sektoren, zusätzliche CO₂-Senken oder internationale Gutschriften ausgeglichen werden. Kosteneffektiv wäre diese Verschiebung nur, wenn dort tatsächlich günstigere und gleichwertige Minderungsmöglichkeiten bestehen.“