Die Demontage vermeintlicher oder tatsächlicher "Lebenslügen" erfreut sich derzeit einer Hochkonjunktur. Waren es vor einigen Wochen noch die Gründe für die hiesigen Arbeitsplatzdefizite, so sind es nun die klassenspezifische Struktur der Gesellschaft ("Unterschicht") und die Gleichheit der Universitäten hierzulande, die auf den Prüfstand gestellt werden. Der Neuigkeitswert der jüngsten Debatte hält sich indes in Grenzen. Dass in den einzelnen Fakultäten deutscher Universitäten eine unterschiedlich hohe Exzellenz herrscht, wird ernsthaft nicht bestritten, am wenigsten von Seiten der Wissenschaft. Denn das ist auch in anderen Ländern der Fall, namentlich in den Vereinigten Staaten.

Der Exzellenzwettbewerb pflügt die Universitätslandschaft um. Bei aller Anerkennung, die den deutschen Wissenschaften seitens ihrer ausländischen Kollegen gezolltwurde, müssen einige sich abzeichnende Entwicklungen eingehend diskutiert werden, um zu entscheiden, ob sie gewollt sind, billigend in Kauf genommen werden, oder ob ihnen Einhalt geboten werden soll. Dies beginnt mit den Überlebenschancen einer – pleonastisch ausgedrückt – "Volluniversität", im Gegensatz zu einer "Spartenuniversität". Wenn Wissenschaftsbereiche innerhalb der Universität in Zukunft mehr und mehr ihre Existenzberechtigung anhand ihres Beitrags zum Drittmittelaufkommen unter Beweis stellen müssen, ist es um die Chancen verschiedener Fächer nicht gut bestellt. Dies gilt erst recht, wenn es um die Exzellenz geht. Heißt "nicht exzellent" zweitklassig und verdient keine Förderung? Dann mutiert eine Universität allmählich zu einer Spezialhochschule, möglicherweise auf international hohem Niveau. Das kann man wollen, muss es dann aber auch sagen und das Etikett "Universität" ablegen. Die nächste Frage betrifft die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften, die im Rahmen der Exzellenzcluster mit einer Ausnahme unter die Räder gekommen sind, die Wirtschaftswissenschaften zur Gänze. Diese weitgehende Bedeutungslosigkeit hat mehrere Ursachen. Erstens hält sich die Effizienz der Forschung in großen Forschungsverbünden hier im Vergleich zu den Naturwissenschaften erfahrungsgemäß in Grenzen. Zweitens herrschen in Gutachterverfahren unterschiedliche Kulturen. Einige Fachdisziplinen, nicht zuletzt die Wirtschaftswissenschaften, befleißigen sich häufig eines regelrechten Kannibalismus, wenn es um die Beurteilung eines Förderantrags geht. Und drittens verstehen es Naturwissenschaften meistens besser, die Relevanz ihrer Forschung herauszustellen. Der Nutzen der Krebsforschung mag auf der Hand liegen, bei wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen bedarf es dazu größerer Anstrengungen. Wirtschaftswissenschaftlern fällt das anscheinend schwerer, zumal sie die Beschäftigung mit wirtschaftspolitisch relevanten (aktuellen) Themen zum Teil verächtlich ablehnen, von der wirtschaftspolitischen Beratung erst gar nicht zu reden. Von weit reichender Tragweite sind schließlich die von den Gutachtern wohl besonders geschätzten Fusionen zwischen einer Universität und außeruniversitären Forschungsinstituten, wie etwa in Karlsruhe. Der Gründung solcher Institute lag seinerzeit unter anderem das Bestreben zugrunde, die Wissenschaftler von den Lehr- und Verwaltungspflichten des Universitätsprinzips zu befreien. Jetzt besitzen die Universitäten mit dem Hinweis auf die Erfolgschancen, zur Eliteuniversität gekürt zu werden, einen eindrucksvollen Hebel, durch Reintegration dieser Institute an deren Budget heranzukommen. Wie es dann weitergeht, lehrt die Erfahrung. Die nunmehrigen Universitätsinstitute dienen als allfällige Steinbrüche für Berufungs- und Bleibeverhandlungen (hochrangiger) Wissenschaftler, die Substanz des ehemals außeruniversitären Forschungsinstituts verschwindet im Nirwana. Noch einmal: Das kann man wollen, sollte es dann aber auch zugeben. Eine allerletzte Frage angesichts lauter Antragsdiskussionen und gegenseitiger Evaluationen: Wann wird eigentlich noch geforscht?

Datum

13.11.2006

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