Was hat kreative Zerstörung mit Innovation zu tun? Kann Wettbewerbspolitik die industrielle Dynamik anregen? Wie wird das europäische „Einhornproblem“ gelöst? Darüber diskutierten am 14. September 2021 ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach, Ph.D., und Prof. Philippe Aghion, Ph.D., Collège de France INSEAD und London School of Economics. Der französische Ökonom stellte beim siebten #ZEWBookTalk außerdem sein Buch „The Power of Creative Destruction: Economic Upheaval and the Wealth of Nations“ vor.

Bild von ZEW-Präsident Achim Wambach und Philippe Aghion
ZEW-Präsident Achim Wambach (siehe rechts) und Philippe Aghion (siehe links) diskutierten beim #ZEWBookTalk über Innovationsförderung.

„Beim Prozess der kreativen Zerstörung werden alte Technologien durch neue Innovationen ersetzt. Diese Idee basiert auf dem Schumpeterschen Wachstumsparadigma des Ökonomen Joseph Schumpeter“, erklärte Philippe Aghion ein wesentliches Element seines Buches. Kapitalismus stelle dabei eine Unordnung dar, infolgedessen innovative Unternehmende neue Ideen kreieren und in den Markt tragen. Langfristiges Wirtschaftswachstum sei nur durch diese Innovationsprozesse möglich, so der französische Wissenschaftler.

Kapitalismus neu denken

Als Beispiel dafür, wie wichtig Wettbewerb und vor allem eine gute Wettbewerbspolitik für die Innovationsförderung ist, nennt Aghion die USA. Innovationen würden hier finanziell besonders gefördert, weshalb die USA insgesamt mehr davon hervorbrächte. Nichtsdestotrotz gäbe es auch Schattenseiten wie etwa das US-Sozialsystem, das deutlich schlechter als zum Beispiel das Deutsche funktioniere. Durch COVID-19 hätten sich diese Probleme weiter offenbart. Der französische Ökonom war der Meinung, dass man sich jedoch nicht zwischen Innovation oder einem guten Sozialsystem entscheiden muss. Ganz im Gegenteil: Es sei wichtig, Kapitalismus zukünftig neu zu denken und Innovation sowie den Schutz der gesamten Bevölkerung ergänzend anstatt getrennt zu sehen. „Ein gutes Beispiel dafür ist das dänische „Flexsecurity“-Modell. Es ist durch großzügige Sozialleistungen und die Aktivierung von Arbeitskraft durch diverse arbeitsmarktpolitische Maßnahmen gekennzeichnet. Damit kombiniert es Flexibilität und Sicherheit“, erklärte der Ökonom. Studien würden zeigen, dass sich solche Maßnahmen positiv auf die körperliche und mentale Gesundheit von Arbeitskräften auswirken. Das sei wiederum vorteilhaft für innovative Ideen.

Daneben warf Aghion einen Blick auf die Auswirkungen der Digitalisierung. Von der Idee einer „Robotersteuer“, um den Sozialstaat fit für die Digitalisierung zu machen, hielte er nicht viel. Der Ökonom betonte, dass durch Automatisierungsprozesse und dem vermehrten Einsatz von Robotern, nicht nur die Produktivität erhöht, Preise gesenkt und Verkäufe gesteigert werden könnten. Dadurch würde auch die Nachfrage steigen, wodurch wiederum Innovationen angeregt und neue Arbeitsplätze geschaffen würden.

„Wir brauchen mehr Geld für Grundlagenforschung“

„Ein Instrument, um Innovation voranzutreiben sind etwa Agenturen wie die Bundesagentur für Sprunginnovationen“, so der ZEW-Präsident.

In der anschließenden Diskussion fragte ZEW-Präsident Achim Wambach, wie man in der Praxis Innovationen besser fördern könne. Leider sei es in Deutschland immer noch so, dass Innovationen häufig nur innerhalb von Unternehmen und wenig „Open Innovation“ stattfinde. Beide Ökonomen waren sich einig, dass Grundlagenforschung offener gedacht und erst dann in den privaten Sektor verlagert werden sollte. Aghion gab zu bedenken, dass hierzu häufig die nötigen Gelder fehlten. „Ein effektives Instrument, um Innovation trotzdem voranzutreiben, sind entsprechende Ministerien, aber vor allem Agenturen, wie die kürzlich gegründete Bundesagentur für Sprunginnovationen“, bemerkte der ZEW-Präsident.

Wie kann das „Einhornproblem“ gelöst werden?

Zum Ende der Diskussion sprachen Aghion und Wambach über spezifische Unterschiede bei Innovationen im Vergleich zwischen Frankreich und Deutschland. Deutschland läge bei der Anzahl der „Unicorns“ („Einhörner“), also Unternehmen mit einen Marktwert von mehr als einer Milliarde Dollar, deutlich hinter Frankreich, so der Einwand des ZEW-Präsidenten. Beide Ökonomen waren sich einig, es sei keine Lösung, dass in der EU gegründete Start-ups in die USA gingen, um dort die nötige Finanzierung zu erhalten. „Dies ist leider oftmals der Fall, da es in der EU noch zu viele Hürden für Investoren gibt. Politiker wollen zwar Innovationen in ihrem jeweiligen Land fördern, sind aber nicht bereit mehr Wettbewerb zuzulassen“, sagte der ZEW-Präsident. Das sei anfangs beispielsweise in Deutschland bei der Debatte um Unternehmen wie AirBnb oder Uber der Fall gewesen. Wambach und Aghion appellierten daher dafür, mehr in Innovationen zu investieren, anstatt den Wettbewerb zu verhindern.

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