ZEW-Tarif entlastet mittlere Einkommen stärker

Kommentar

ZEW-Ökonom Holger Stichnoth zur Entlastung bei der Einkommensteuer

Prof. Dr. Holger Stichnoth, Leiter der ZEW-Forschungsgruppe „Ungleichheit und Verteilungspolitik“

Zu Beginn der Woche veröffentlichte das ZEW Mannheim einen Vorschlag zur Entlastung bei der Einkommensteuer. Zwischenzeitlich wurden auch Pläne von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil bekannt. Prof. Dr. Holger Stichnoth, Leiter der Forschungsgruppe „Ungleichheit und Verteilungspolitik“ und Autor des Vorschlags, erklärt auf Basis des präsentierten ZEW-Tarifs:

„Bei gleichem fiskalischem Volumen ließe sich die steuerliche Entlastung der Mitte gezielter ausgestalten als in den bekannt gewordenen Klingbeil-Modellen. Insbesondere bei zu versteuernden Einkommen von 40.000 und 50.000 Euro kann ein sogenannter ZEW-Sprung-Tarif stärkere Entlastungen erreichen.

Bei einem zu versteuernden Einkommen von 40.000 Euro erreicht unser auf diesen Punkt optimierter Tarif dieselbe Entlastung wie die Klingbeil-Modelle, kommt aber ohne jede Mehrbelastung hoher Einkommen aus. Bei 50.000 Euro fällt die Entlastung sogar höher aus. Lässt man dieselbe Gegenfinanzierung am oberen Rand zu wie in den Klingbeil-Plänen, übertrifft unser Tarif die Klingbeil-Entlastungen an allen betrachteten Punkten deutlich – bei 40.000 Euro etwa rund 1.170 statt 790 Euro. Bei einem zu versteuernden Einkommen von 50.000 Euro sind im ZEW-Modell bei gleichem Gesamtvolumen sogar fast 800 Euro pro Jahr mehr drin.

Diese gezieltere Entlastung hat allerdings einen Preis. Weil Grundfreibetrag und Eingangssteuersatz unverändert bleiben, konzentriert der ZEW-Sprung-Tarif die Entlastung auf Einkommen in der Mitte und etwas darüber, während niedrige Einkommen kaum entlastet werden. Die Klingbeil-Modelle wirken dagegen breiter, weil sie den Grundfreibetrag anheben und den Tarif durchgehend senken. Außerdem entsteht beim ZEW-Modell ein Sprung im Grenzsteuerverlauf statt eines glatten linear-progressiven Tarifs.

Der zentrale Befund ist damit nicht, dass ein Modell „besser“ wäre, sondern dass mit demselben Budget mehr Entlastung in der Mitte möglich ist, wenn man die Tarifstruktur stärker auf diesen Bereich zuschneidet. Die Entscheidung ist deshalb eine politische Abwägung: Soll ein gegebenes Entlastungsvolumen möglichst breit verteilt werden, spricht das eher für die Klingbeil-Logik. Soll die Mitte besonders effizient entlastet und Streuverluste begrenzt werden, zeigt unsere ZEW-Simulation, dass ein gezielter Sprung-Tarif mehr leisten kann.

Die Klingbeil-Modelle haben wir auf Basis öffentlich berichteter Angaben rekonstruiert. Die Entlastungen je Einkommen werden dabei nahezu exakt getroffen, beim Nettovolumen liegen unsere Werte nahe an den berichteten Größenordnungen.“

Allgemeine Dokumente

ZEW-Gutachten zu Klingbeil-Plänen

Allgemeine Dokumente

ZEW-Gutachten zum Sprungtarif (vom 29.06.2026)