Reformdruck in Deutschland: Wie gelingt die Balance für die Zukunft?
VeranstaltungenDGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi zu Gast bei „Wirtschaftspolitik aus erster Hand“
Deutschland steht unter Reformdruck. Die Wirtschaft wächst nur schwach, der internationale Wettbewerb verschärft sich und zugleich sind hohe Investitionen in Infrastruktur, Digitalisierung und öffentliche Daseinsvorsorge notwendig. Auch die Transformation von Industrie, Energieversorgung und Arbeitswelt stellt Unternehmen und Beschäftigte vor große Herausforderungen. Wie wirtschaftliche Erneuerung gelingen kann, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden, diskutierten Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), und ZEW-Präsident Prof. Dr. h.c. Achim Wambach, PhD am 8. Juli 2026 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wirtschaftspolitik aus erster Hand“ am ZEW Mannheim. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Wettbewerbsfähigkeit, gute Arbeit und ein leistungsfähiger Sozialstaat miteinander verbinden lassen.
Zu Beginn ordnete Achim Wambach die aktuelle wirtschaftliche Lage sowie Aspekte der Reformvorhaben, die die Bundesregierung kürzlich vorgestellt hatte, ein: War Deutschland in der Vergangenheit wirtschaftlich angeschlagen, so ging es auch den Nachbarländern nicht gut. Momentan profitierten jedoch andere europäische Länder von der Standortschwäche Deutschlands, denn Investitionen würden umgeleitet – anderswo wüchsen die Wirtschaften. Das Reformpaket werde langfristig positive Effekte entfalten, jedoch sei der wirtschaftliche Druck enorm, weshalb weitere Schritte erforderlich seien.
Wirtschaftliche Erneuerung sozial gestalten
In ihrem Vortrag machte Yasmin Fahimi unter anderem klar, dass das vorgestellte Reformpaket mit seinen 34 Punkten durchaus gute Signale gebe, auch für Wachstum und Investitionen. Die aktuellen Wachstumsprognosen der Wirtschaft seien durch den privaten Konsum getrieben. Jedoch, so die DGB-Vorsitzende, senkten die Reformen die Kaufkraft der Bevölkerung. Eine Wachstumsagenda müsse daher höchste Priorität haben. Außerdem betonte Fahimi, dass das deutsche BIP in den Jahren 2000 bis 2019 ähnlich stark gewachsen sei wie das der USA und stärker als in anderen EU-Ländern. In der Zeit habe es durchaus einen starken Sozialstaat in Deutschland gegeben – es sei daher ein Kurzschluss, den Sozialstaat als Grund für die momentane Wachstumsschwäche zu identifizieren.
In der anschließenden Diskussion mit ZEW-Präsident Wambach ergaben sich gemeinsame Schnittmengen: Deutschland treibe 40 Prozent seines Außenhandels mit der EU, dagegen nur jeweils zehn Prozent mit den USA bzw. China. Das deutsche Exportmodell sei nicht tot, es verlagere sich aber. Vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen, die in den vergangenen Jahren zugenommen haben, seien Handelsverträge wie mit den Mercosur-Staaten, Kanada oder Indien gut.
Das Reformpaket verlange allen Seiten etwas ab, so Wambach. Die Regierung habe ein Bündel geschnürt, das umfänglich Maßnahmen zu ergreifen versuche. Fahimi betonte vor diesem Hintergrund, Deutschland müsse Entwicklungszusammenarbeit neu denken. Es brauche eine klügere Kooperation mit afrikanischen Staaten. Man könne das nicht China überlassen, das sich dadurch exklusiven Zugriff auf seltene Erden sichere.
Wambach warnte mit Blick auf andere Volkswirtschaften, eine ausufernde sachgrundlose Befristung könne zu einem dualen Arbeitsmarkt führen, mit einerseits sehr gut gesicherten Jobs und andererseits projektbasiertem Job-Hopping. Das sei kein stabiles System. Zum Kündigungsschutz sieht das Reformpaket für Hochverdienende mit aktuell über 177.000 Euro Jahresbruttoeinkommen vor, mit einer Abfindung leichter gekündigt werden zu können. Fahimi betonte, es handele sich hier um eine Symboldebatte, ob Kündigungsschutz den Aufbau von Jobs verhindere. Es gehe ihr besonders darum, dass dieser Einschnitt in den Kündigungsschutz ein Türöffner für weiteren Abbau von Arbeitnehmerschutz darstellen könne.
Interessierte Publikumsfragen
Zum Abschluss hatten die rund 120 interessierten Gäste die Möglichkeit, Fragen an die DGB-Vorsitzende zu stellen. Darin ging es unter anderem um eine Stärkung der Bildung von der Schule bis in den Betrieb sowie um mögliche negative Auswirkungen der Reformen auf Minijobs. Der anschließende sommerliche Empfang würde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung des ZEW-Förderkreises.