ZEW-Präsident Achim Wambach zur EU-Handelsdiversifizierung gegenüber China

Kommentar

Auf dem G7-Gipfel sowie beim Europäischen Rat beraten die Staats- und Regierungschefs darüber, wie Europa auf Chinas gestiegene Exportüberschüsse reagieren soll. Anders als beim ersten China-Schock der 2000er Jahre, der durch Chinas WTO-Beitritt und Marktöffnung ausgelöst wurde, trifft der heutige Schock 2.0 die europäischen Kernbranchen, wie Maschinen oder Elektroautos. Der EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič hat daraufhin ein Diversifizierungsinstrument vorgeschlagen, das Unternehmen verpflichten soll, ihre Lieferquellen zu diversifizieren. Hintergrund sind insbesondere Abhängigkeiten bei strategisch wichtigen Vorleistungen wie Chips oder Seltenen Erden. Ziel soll sein, bei solchen kritischen Lieferungen sicherzustellen, dass mindestens drei verschiedene Lieferanten zur Verfügung stehen. ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach, PhD, erklärt dazu:

„Dass Diversifizierung Kosten verursacht, ist den Unternehmen bewusst und genau deshalb scheuen viele diesen Schritt. Was in der Debatte aber oft fehlt, ist die Perspektive, dass diese Mehrkosten als Risikoprämie einer Versicherung verstanden werden sollten, also als bewusst gezahlter Preis für den Schutz vor Versorgungsausfällen.  

Unternehmen haben häufig nicht genügend Anreize, ihre Lieferketten ausreichend zu diversifizieren, da sie die gesamtwirtschaftlichen Folgen eines Versorgungsausfalls nicht in ihre Kalkulationen einbeziehen. Beispielsweise können sie damit rechnen, dass der Staat mit Kurzarbeitergeld, Liquiditätshilfen oder Subventionen im Krisenfall einspringt. Grundsätzlich ist das Management von Lieferketten eine privatwirtschaftliche Aufgabe, aber dort, wo systemische und moralische Risiken zusammenkommen, sind staatliche Vorgaben gerechtfertigt.  

Zu rigide Vorgaben können aber die „Versicherungskosten“ in die Höhe treiben. Sinnvoller wären sektorspezifische Vorgaben, die sich an den jeweiligen Risiken orientieren. Um diese festzulegen, sollte ein European Supply Security Board geschaffen werden, welches Datenerhebungen zu Lieferketten koordinieren und sektorspezifische Stresstests durchführen könnte. So würden Diversifizierungsanforderungen dort greifen, wo die Risiken am größten sind, und Diversifizierungskosten dazu in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass technologische Souveränität zukünftige Souveränität bedeutet. Maßnahmen zur Resilienz sollten daher so ausgestaltet sein, dass sie Anreize für Forschung und Entwicklung in Schlüsseltechnologien stärken.“