EZB-Rat kommuniziert deutlich restriktiveren Kurs seit Ausbruch des Iran-Konflikts
ForschungZEW-Analyse signalisiert Zinserhöhung der EZB
Die Kommunikation im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sich deutlich in Richtung einer restriktiveren Geldpolitik verschoben. Seit Eskalation des Iran-Konflikts signalisieren die öffentlichen Äußerungen der EZB-Ratsmitglieder eine klar zunehmende Sorge vor neuen Inflationsrisiken. Zugleich ist die Streuung der Einzelpositionen sehr gering, die öffentlich kommunizierenden Ratsmitglieder treten weitgehend geschlossen auf. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Zinserhöhung bei der nächsten EZB-Ratssitzung am 11. Juni 2026 sehr wahrscheinlich. Das zeigt eine Analyse des ZEW Mannheim, bei der die öffentlichen Äußerungen der EZB-Ratsmitglieder ausgewertet wurden.
„Die Eskalation des Iran-Konflikts hat die geldpolitische Debatte in der Eurozone binnen weniger Wochen vollständig neu geordnet. Was wir sehen, ist kein langsamer Richtungswechsel, sondern ein schneller, scharfer Kurswechsel in Richtung restriktiver Kommunikation – und das bei gleichzeitig sehr geringer Streuung. Wenn sich die Ratsmitglieder in der Sprache einig sind, wird das Signal für die Märkte besonders klar: Die Gefahr einer zweiten Inflationswelle wird ernst genommen, und die Bereitschaft zu einem Zinsschritt ist da“, sagt Prof. Dr. Friedrich Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und öffentliche Finanzwirtschaft“.
Mehr Einigkeit als zur Corona-Pandemie
Auf einer Skala, ob öffentliche Reden von EZB-Ratsmitgliedern eher auf eine lockere (-1, stark taubenhaft) oder eine restriktive Geldpolitik (+1, stark falkenhaft) hindeuten, stieg seit der Eskalation des Iran-Konflikts der Wert von +0,2 auf +0,63. Falken befürworten strikte Zinsanhebungen zur Inflationsbekämpfung, während Tauben mit Blick auf negative Folgen von Zinserhöhungen vergleichsweise niedrigere Zinsen bevorzugen.
Die geringe Streuung der individuellen Falke-Tauben-Scores weist dabei auf eine große Einigkeit der EZB-Ratsmitglieder hin. Dies steht im Kontrast zu früheren Phasen, etwa vor den Zinserhöhungen in der Coronapandemie, als die Uneinigkeit innerhalb des Rats deutlich sichtbar war. Eine Verschärfung der geldpolitischen Rhetorik ist also nicht auf einzelne Stimmen beschränkt, sondern beruht auf breitem Konsens.
„Solch eine einheitliche Kommunikation verstärkt die Glaubwürdigkeit der EZB und reduziert Unsicherheit auf den Finanzmärkten. Vor einer wichtigen Zinsentscheidung ist dies ein starkes Indiz dafür, dass ein politischer Schritt wie eine Zinserhöhung ernsthaft erwogen und mit hoher Wahrscheinlichkeit beschlossen wird“, sagt Heinemann.
Zur Auswertung
Die Analyse basiert auf einer umfassenden Sammlung von Reden aller Mitglieder des EZB-Rats seit 1998. In einem Turnus von sechs Wochen wird das arithmetische Mittel der jeweils neuen Äußerungen mit Hilfe einer KI-Analyse ermittelt. Dadurch ergeben sich die Scores auf der Tauben-Falken-Skala. Das Projekt wird unterstützt von der Stiftung Geld und Währung.