Generationenwechsel im deutschen Mittelstand verläuft reibungsloser als erwartet

Forschung

Die Übergabe mittelständischer Familienunternehmen, das sind Unternehmen mit mindestens 40 und höchstens 5.000 Mitarbeitern, an die nächste Generation oder neue Eigentümer verläuft in Deutschland reibungsloser als gedacht. Fast 80 Prozent der Unternehmensnachfolger stufen die Unternehmensübergabe als gut vorbereitet ein. Immerhin 60 Prozent bescheinigen dem früheren Eigentümer ausreichend investiert zu haben, sodass der Geschäftsbetrieb nach der Übergabe gewährleistet war. Überraschend ist, dass nach dem Eigentümerwechsel der frühere Inhaber noch in fast zwei Drittel der Unternehmen weiter aktiv tätig ist. In der Hälfte dieser Unternehmen nimmt er sogar eine Führungsfunktion wahr. Selbst bei externer Nachfolge ist dies in immerhin 40 Prozent der Unternehmen der Fall. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim und des Instituts für Mittelstandsforschung (ifm) der Universität Mannheim im Auftrag der BW-Bank.

Deren Vorstandsvorsitzender Joachim E. Schielke betonte bei der Vorstellung dieser Studie in der Stuttgarter Zentrale der Bank: "Wir setzen den Schwerpunkt in unserem Unternehmenskundengeschäft auf den baden-württembergischen Mittelstand und haben deshalb aus der Untersuchung tiefere Erkenntnisse über Nachfolgeprozesse in Familienunternehmen gewonnen."

In den Jahren von 2002 bis 2008 wurden in Deutschland rund 8.600 mittelständische Familienunternehmen an einen neuen geschäftsführenden Inhaber übergeben. Das sind etwa 23 Prozent der insgesamt 38.000 deutschen mittelständischen Unternehmen. Aus den übergebenen eigentümergeführten mittelständischen Familienunternehmen wurden für die Studie 1.100 zufällig ausgewählt und deren neue Eigentümer telefonisch befragt. Für Deutschland ist dies die erste Studie zum Generationenwechsel im Mittelstand, die in einem solch großen Maßstab durchgeführt wurde.

Gut ein Fünftel der übernommenen mittelständischen Familienunternehmen hat externe Nachfolger, fast drei Fünftel bleiben in Familienhand und ein weiteres Fünftel hat Nachfolger, die bereits vorher im Unternehmen gearbeitet haben. Die Zufriedenheit der neuen Inhaber mit der Vorbereitung der Unternehmensübergabe ist insgesamt sehr groß. Allerdings beurteilen externe Nachfolger die Güte der Vorbereitung etwas schlechter als interne. Ein unerwartet hoher Anteil der Alteigentümer ist auch nach der Übernahme noch im Unternehmen tätig und arbeitet gut mit dem neuen Inhaber zusammen. Indessen nimmt der Einfluss des Alteigentümers ab, je weiter die Übergabe zurück liegt. "In den meisten Fällen unterstützt der Übergeber den Nachfolger so lange dies notwenig ist und zieht sich rechtzeitig aus dem Unternehmen zurück", sagt Prof. Dr. Michael Woywode, Leiter des ifm Mannheim.

Die Studie zeigt bei der Qualifikation der neuen Eigentümer einen klaren Trend von einer überwiegend ingenieurwissenschaftlichtechnisch ausgebildeten Unternehmergeneration hin zu eher betriebswirtschaftlich qualifizierten Inhabern. Auswirkungen auf die Innovationsaktivitäten der Unternehmen zeigen sich bei einem Vergleich von Nachfolgern, die einerseits betriebswirtschaftlich oder andererseits ingenieurwissenschaftlichtechnisch ausgebildet sind, allerdings nicht.

Ein hoher Anteil der Unternehmensnachfolger nimmt nach der Übernahme organisatorische Veränderungen und Änderungen der externen Geschäftsbeziehungen vor. Dabei fällt auf, dass externe Nachfolger auf diesem Feld besonders aktiv sind. Sie setzen auch stärker als interne Nachfolger neue Finanziers und Berater ein und kündigen Zulieferverträge. Auch ist bei externer Nachfolge häufig ein Wechsel der Hausbank zu beobachten.

Die Umsatzrendite der Unternehmen mit externer Nachfolge ist bei der Übernahme oft deutlich geringer, steigt in den folgenden Jahren allerdings stärker an als bei den anderen Nachfolgeunternehmen. Externe Nachfolger übernehmen somit zwar in der Regel weniger rentable Unternehmen als familien- und unternehmensinterne Nachfolger, haben aber Fähigkeiten, die sie in die Lage versetzen, das Entwicklungspotenzial ihrer Unternehmen zu aktivieren. Bereits wenige Jahre nach der Übernahme haben sie dann ihren Renditerückstand aufgeholt. "Es scheint, dass es gerade der unvoreingenommene Blick von außen ist, der es externen Nachfolgern ermöglicht, Schwachpunkte im Unternehmen zu erkennen und entsprechende Veränderungen vorzunehmen", sagt Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Franz, Präsident des ZEW Mannheim.

Download der Studie sowie des technischen Anhangs mit Tabellen

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