ZEW und WWF diskutieren finanzielle Zukunftsorientierung Deutschlands
Veranstaltungen#ZEWLive: Zukunftsquote im Bundeshaushalt – Steuerung für Generationengerechtigkeit?
Wie zukunftsorientiert ist der Bundeshaushalt? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Ausgabe von #ZEWlive am 16. April 2026, in der das ZEW Mannheim und der WWF Deutschland die aktualisierte Zukunftsquote vorstellten. Die Zukunftsquote ist ein Indikator, der den Anteil zukunftsorientierter Ausgaben im Bundeshaushalt transparent macht. Prof. Dr. Friedrich Heinemann, Leiter des Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft“ am ZEW Mannheim, präsentierte die zentralen Ergebnisse und diskutierte sie anschließend mit Viviane Raddatz (Leiterin des Bereichs Klima- und Energiepolitik beim WWF), Dr. Yannick Bury und Dr. Sebastian Schäfer (beide Mitglieder des Deutschen Bundestags) in einem Panel.
„Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht zum ersten Bundeshaushalt nach der Schuldenbremsenreform. Die gute Nachricht ist, dass der Bund seit Beginn unserer Messung im Jahr 2018 noch nie so hohe Zukunftsausgaben getätigt hat. In absoluter Betrachtung haben sich diese Ausgaben von 2018 bis 2025 fast verdoppelt, allerdings ohne Inflationsbereinigung. Leider gibt es auch eine schlechte Nachricht. Im Kernhaushalt fallen die Zukunftsausgaben im Bundeshaushalt 2025 schon wieder. Damit hängt die Zukunftsorientierung der Ausgaben ganz an den Sondervermögen mit ihrer begrenzten Laufzeit“, erklärte Prof. Dr. Friedrich Heinemann zu Beginn seines Vortrags. Die Zukunftsquote für den Gesamthaushalt zeige, so Heinemann, dass der Bund die Chancen der Reform der Schuldenbremse für mehr Zukunftsorientierung bislang nicht voll genutzt hat.
„Wir sehen im Kernhaushalt 2025 erneut eine Verlagerung hin zu den gegenwartsorientierten Ausgaben, während die Finanzierung von Zukunftsbereichen in die Sondervermögen ausgelagert wird. Das wirft die Frage auf, wie Zukunftsausgaben dauerhaft finanziert werden können“, sagte Heinemann mit Blick auf den Bundeshaushalt 2025 und fügte hinzu, ein zentrales Defizit der heutigen Haushaltssteuerung liege darin, dass Zukunftsbetrachtungen zu stark auf Sachkapitalinvestitionen verengt seien und wichtige andere Zukunftsfelder wie Bildung, Forschung und Naturschutz zu wenig Beachtung erhielten. Mit der Zukunftsquote lasse sich hingegen über Ressorts hinweg ausweisen, welcher Anteil des Budgets tatsächlich zur Stärkung des künftigen Wohlstands beiträgt.
Wie der Haushalt Klimaschutz und Wachstum verbinden kann
Viviane Raddatz erklärte, dass ein zukunftsfähiger Bundeshaushalt langfristige staatliche Ziele wie Klimaschutz und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen auskömmlich finanzieren müsse. Aus ihrer Sicht müssen die Zukunftsausgaben im Haushalt konsequent auf die Transformation ausgerichtet sein. Dafür seien zusätzliche Investitionen in erneuerbare Energien, Energieeffizienz, klimafreundliche Mobilität und Gebäudesanierung sowie in den Schutz von Wäldern, Mooren und Biodiversität notwendig.
Dr. Yannick Bury betonte die Bedeutung solider Staatsfinanzen für die langfristige Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Angesichts steigender Ausgaben sei eine klare Prioritätensetzung erforderlich, hob er hervor. Zugleich warnte Bury im Sinne seiner „Versteinerung“-Analyse vor einer zunehmenden Verfestigung von Ausgabenstrukturen, die den finanziellen Handlungsspielraum des Staates einengen könnten.
Dr. Sebastian Schäfer hob insbesondere die Bedeutung zukunftsgerichteter Investitionen hervor. Er betonte, dass der Haushalt als zentrales Instrument zur Bewältigung aktueller Transformationsaufgaben dienen müsse – etwa beim Klimaschutz, der Energiewende und der Modernisierung der Infrastruktur. Dabei stellte Schäfer die Ziel- und Wirkungsorientierung in den Mittelpunkt, um öffentliche Mittel effizient einzusetzen und Prioritäten konsequent an nachhaltigem Wachstum auszurichten.
Über die Zukunftsquote
Zukunftsinvestitionen im Verständnis der Zukunftsquote sind staatliche Ausgaben für Bildung, Infrastruktur, Klima- und Naturschutz und die Mehrung technischen Wissens, die langfristig nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen schaffen. Die Zukunftsquote zeigt auf einen Blick, wie hoch der Anteil am Bundeshaushalt ist, der in diese Zukunftsausgaben fließt. Das ZEW errechnet bereits seit 2021 die Zukunftsquote. In Zusammenarbeit mit dem WWF wurde die Quote nun weiterentwickelt und wird über die nächsten Jahre fortgeführt. Das gemeinsame Projekt von WWF und ZEW reagiert auf eine aktuelle Lücke in der Finanzpolitik: Denn während die Notwendigkeit des nachhaltigen Wandels von vielen verstanden wurde, gibt es keinen Maßstab, um zu bewerten, ob der Bundeshaushalt auf dieses Ziel ausgerichtet ist.