Deutsche überschätzen Anteil chinesischer Direktinvestitionen um das 30-fache und sehen sie kritisch

Forschung

ZEW-Studie zur Wahrnehmung chinesischer Investitionen in Deutschland

Menschen in Deutschland überschätzen den Anteil von chinesischer Direktinvestitionen in die Bundesrepublik erheblich und sehen diese Wirtschaftsaktivitäten kritisch. Die grundsätzliche Präferenz für europäische oder US-amerikanische Investoren verändert sich auch nicht, wenn sachliche Informationen über die wirklichen Größenverhältnisse chinesischer Investitionen gegeben werden. Das zeigt eine gemeinsame Studie des ZEW Mannheim, der Paris School of Economics, des Stone Center on Socio-Economic Inequality sowie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die Befragten sehen den chinesischen Anteil an allen ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland bei 33 Prozent. Tatsächlich waren es in den vergangenen Jahren aber nur ein Prozent. Damit werden die Investitionen aus China um mehr als das 30-Fache überschätzt. „Fakten können zwar Fehleinschätzungen korrigieren und den Blick auf konkrete wirtschaftliche Vorteile verändern. Die grundsätzlichen Präferenzen gegenüber Investoren unterschiedlicher Herkunft verändern sich durch solche Informationen jedoch kaum“, erklärt Ko-Autor Li Yang, PhD, Wissenschaftler in der ZEW-Forschungsgruppe „Ungleichheit und Verteilungspolitik“. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Skepsis gegenüber chinesischen Investitionen nicht allein auf einer falschen Vorstellung über deren wirtschaftliche Bedeutung beruht. Auch Sorgen um politische Abhängigkeit und staatlichen Einfluss könnten für die Bewertung eine Rolle spielen.“

Allgemeine Dokumente

When Facts Fail: Experimental Evidence on Perceptions and Preferences toward Chinese Investments in Germany

Höhere Erwartungen an chinesische Investoren

Damit eine Direktinvestition aus China als attraktiv wahrgenommen wird, muss sie deutlich stärkere Vorteile bringen als Investitionen aus dem europäischen Ausland oder den USA. In einem Experiment im Rahmen einer Befragung wurden Angebote chinesischer Unternehmen bei ansonsten identischen Merkmalen rund 40 Prozentpunkte seltener gewählt als Angebote aus anderen EU-Staaten. Gegenüber US-Investoren betrug der Abstand etwa 20 Prozentpunkte.  

Besonders konkret wird diese Präferenz bei der Übernahme eines insolventen deutschen Unternehmens: Während ein europäischer oder US-amerikanischer Käufer 250 von 500 Arbeitsplätzen erhalten sollte, musste ein chinesischer Käufer nach Einschätzung der Befragten durchschnittlich rund 350 Stellen retten, damit beide Angebote als gleich attraktiv galten. Das entspricht einem Aufschlag von etwa 40 Prozent.  

Des Weiteren wurde im Experiment neben dem Herkunftsland auch variiert, ob es ein staatlicher oder privater Investor war und ob er eine Mehrheits- oder Minderheitsbeteiligung anstrebte. Bei chinesischen Investoren zeigte sich bei allen Kategorien eine zusätzliche Skepsis gegenüber staatseigenen Unternehmen im Vergleich zu privaten chinesischen Unternehmen. Insgesamt unterscheiden sich die entsprechenden Effekte zwischen den Versuchsgruppen nicht signifikant.

Politische Sorgen wiegen schwerer

Die ablehnende Haltung richtet sich insbesondere auf mögliche politische Folgen. 64,2 Prozent der Befragten bewerten chinesische Direktinvestitionen als nachteilig für die politische Unabhängigkeit Deutschlands. Beim allgemeinen wirtschaftlichen Nutzen fällt die Skepsis mit 44,2 Prozent geringer aus.  

Werden die Befragten über den tatsächlichen Umfang ausländischer Investitionen informiert, bewerten sie die Auswirkungen chinesischer Investitionen auf Beschäftigung und Innovation anschließend weniger skeptisch. Darstellungen möglicher Vorteile bewirken ebenfalls eine positivere Wahrnehmung, allerdings in geringerem Umfang. Keine der Informationen erhöht jedoch die Bereitschaft, chinesische Investoren gegenüber westlichen Alternativen zu bevorzugen.

Mehr als 2.300 Deutsche befragt

Die Studie basiert auf einem vorab registrierten Befragungsexperiment in der Innovationsstichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2023. Befragt wurden 2.365 Erwachsene aus 1.738 deutschen Haushalten. Die Teilnehmenden wurden zufällig einer Kontrollgruppe oder einer von drei Informationsgruppen zugeteilt. Sie erhielten entweder Angaben zu den tatsächlichen Investitionsanteilen, eine Darstellung von Argumenten zu möglichen Vorteilen chinesischer Investitionen oder eine Darstellung von Argumenten zu möglichen Risiken.  

Anschließend bewerteten sie die Auswirkungen ausländischer Direktinvestitionen auf Beschäftigung und Innovation, wählten zwischen hypothetischen Investitionsangeboten und bearbeiteten ein Übernahmeszenario. Die Angebote unterschieden sich unter anderem nach Herkunft des Investors, staatlichem oder privatem Eigentum und der Höhe der Beteiligung.