Wirtschaftswachstum als zentrale Herausforderung

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Kanzleramtsminister Thorsten Frei zu Gast bei „Wirtschaftspolitik aus erster Hand“

Deutschland als Wirtschaftsstandort steht aufgrund eines zu geringen Wirtschaftswachstums unter Druck. Zudem verschärfen geopolitische Spannungen den Wettbewerbsdruck. Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts zu erhalten, Investitionen anzuregen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu sichern? Darüber diskutierte ZEW-Präsident Achim Wambach, PhD mit Bundesminister Thorsten Frei vor rund 200 Gästen am 27. März 2026 im Rahmen der ZEW-Veranstaltungsreihe „Wirtschaftspolitik aus erster Hand“. Als Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts koordiniert Frei die ressortübergreifende Regierungspolitik und ist zentral in wirtschafts-, finanz- und europapolitische Entscheidungsprozesse eingebunden. 

Zu Beginn der Veranstaltung skizzierte Achim Wambach die aktuelle wirtschaftliche Lage, die von steigenden Energiepreisen, stagnierendem Wachstum und zunehmendem fiskalischem Druck geprägt sei. Kurzfristige politische Maßnahmen griffen aus seiner Sicht häufig zu kurz. Stattdessen betonte er die strukturellen Herausforderungen, etwa die Entwicklung der Sozialversicherungsbeiträge, die perspektivisch weiter steigen könnten. 

Rentenkommission mit ZEW-Beteiligung

Auch die demografische Entwicklung wirke aktuell entlastend auf den Arbeitsmarkt, reduziere jedoch zugleich den Reformdruck. Mit Blick auf die öffentlichen Finanzen warnte Wambach vor steigenden Zinsen und einem dadurch schrumpfenden fiskalischen Handlungsspielraum. Er sei gespannt auf die Ergebnisse der Rentenkommission, der auch Prof. Dr. Tabea Bucher-Koenen, Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“, angehört. Die größte Frage bleibe jedoch, ob die Politik es schaffe, die Arbeitskosten zu senken.

Kooperationsplattform ZEW Co-Design vorgestellt

Im Anschluss stellte Wambach die neue ZEW-Initiative „Co-Design“ vor, die die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Unternehmen stärken soll. Ziel ist es, durch sogenannte Feldexperimente evidenzbasierte Erkenntnisse direkt in unternehmerische Entscheidungsprozesse zu integrieren. Beispiele hierfür sind Programme zur Verhaltenssteuerung durch Anreizsysteme sowie Projekte zur Förderung einer gleichmäßigeren Inanspruchnahme von Elternzeit durch Mütter und Väter.

Vier zentrale politische Handlungsfelder

Im anschließenden Vortrag von Bundesminister Thorsten Frei betonte dieser die zentrale Bedeutung von Wirtschaftswachstum für die Bewältigung aktueller Herausforderungen. In einer sich wandelnden geopolitischen Ordnung, in der internationale Konflikte und wirtschaftspolitische Spannungen zunehmen, sei wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eine zentrale Voraussetzung für Wohlstand, Sicherheit und staatliche Handlungsfähigkeit. Deutschland sei in besonderem Maße auf stabile internationale Rahmenbedingungen angewiesen, da ein erheblicher Teil der Wertschöpfung im Ausland erwirtschaftet werde.

Frei identifizierte vier zentrale Handlungsfelder: hohe Energiepreise, ein reformbedürftiges Steuersystem, steigende Arbeitskosten sowie übermäßige Bürokratie. Während die Bundesregierung bereits Maßnahmen wie steuerliche Investitionsanreize und geplante Senkungen der Körperschaftsteuer auf den Weg gebracht habe, bestehe weiterhin erheblicher Reformbedarf. Insbesondere die Entwicklung der Sozialversicherungsbeiträge stelle ein Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit dar, da steigende Lohnnebenkosten die Beschäftigung belasten könnten. Im Bereich der Bürokratie plädierte Frei für einen stärkeren Fokus auf Risikobereitschaft und eine Reduktion regulatorischer Komplexität, etwa im Bau- und Planungsrecht.

Strukturpolitische Maßnahmen besser als Preissubventionen

In der anschließenden Diskussion griffen Achim Wambach und Thorsten Frei zentrale ökonomische und wirtschaftspolitische Fragestellungen gemeinsam auf. Wambach strukturierte die Debatte durch gezielte Nachfragen, etwa zur aktuell eingetrübten wirtschaftlichen Stimmung und zu konjunkturellen Risiken infolge geopolitischer Entwicklungen. Frei ordnete diese Fragen aus politischer Perspektive ein und betonte die Grenzen kurzfristiger staatlicher Eingriffe wie Preissubventionen und verwies stattdessen auf die Bedeutung langfristiger strukturpolitischer Maßnahmen. Zugleich unterstrich er die Notwendigkeit, öffentliche Ausgaben stärker auf Investitionen auszurichten und konsumtive Ausgaben zu begrenzen.

Auch in den Publikumsfragen brachte Wambach internationale Vergleichsperspektiven ein, etwa mit Blick auf die Standortpolitik Frankreichs oder die Rolle europäischer Handelsstrategien. Frei reagierte darauf mit Einschätzungen zur praktischen Umsetzbarkeit politischer Maßnahmen auf nationaler und europäischer Ebene und verwies auf bestehende Zielkonflikte, etwa zwischen regulatorischen Standards und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Im Zusammenspiel von wissenschaftlicher Einordnung und politischer Perspektive wurde so ein differenziertes Bild der aktuellen wirtschaftspolitischen Herausforderungen und Handlungsoptionen gezeichnet.

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