„Closing the Gender Gap“: Finanzbildung im Fokus der EZB-Debatte
Termine und NachrichtenZEW-Ökonomin Prof. Dr. Tabea Bucher-Koenen und EZB-Präsidentin Christine Lagarde diskutieren zu Financial Literacy
Anlässlich des Internationalen Frauentags lud die Europäische Zentralbank (EZB) am 2. März 2026 zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Closing the Gender Gap in Financial Literacy“ in ihren Hauptsitz nach Frankfurt ein. Auf dem Podium diskutierte Prof. Dr. Tabea Bucher-Koenen, Leiterin des ZEW-Forschungsbereichs „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“, mit EZB-Präsidentin Christine Lagarde, Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sowie dem Präsidenten der griechischen Zentralbank, Giannis Stournaras. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich die Finanzkompetenz von Frauen gezielt stärken lässt und wie Fortschritte messbar gemacht werden können. Patrick Jenkins, stellvertretender Chefredakteur der Financial Times, moderierte das Gespräch. Neben politischen Entscheidungsträger/innen nahmen auch Vertreter/innen aus Medien, Bildungsinitiativen und sozialen Netzwerken an der Veranstaltung teil.
„Finanzbildung ist eine zentrale Voraussetzung für Teilhabe und individuelle Entscheidungsfreiheit. Die seit Jahren unveränderten geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Finanzkompetenz zeigen, dass in diesem Bereich noch erheblicher Handlungsbedarf besteht“, erklärt Bucher-Koenen. „Dabei geht es hier nicht allein nur um Faktenwissen, sondern auch um Selbstvertrauen bei Finanzwissen und Finanzentscheidungen. Etwa 30 Prozent der Unterschiede in der finanziellen Bildung zwischen den Geschlechtern sind auf mangelndes Selbstbewusstsein der Frauen zurückzuführen. Sowohl Wissen als auch Selbstvertrauen sind entscheidend für Finanzentscheidungen wie die Beteiligung am Aktienmarkt.“
Finanzbildung strukturell fördern
In der Diskussion ordnete Bucher-Koenen die Ursachen und Folgen der geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Finanzbildung ein. Demnach würden empirische Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt sowohl geringere Kenntnisse als auch ein geringes Selbstvertrauen in Bezug auf zentrale Finanzfragen aufweisen, beispielsweise zu Zinseszins, Inflation oder Risikodiversifikation. Laut Bucher-Koenen wirke sich diese Lücke langfristig auf den Vermögensaufbau, die Altersvorsorge und den Aufbau von Sicherheitspolstern aus. Sie plädierte daher für evidenzbasierte Bildungsprogramme, die früh ansetzen und unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigen. Finanzielle Bildung dürfe nicht isoliert gedacht werden, sondern müsse auch strukturelle Rahmenbedingungen wie Erwerbsunterbrechungen oder Teilzeitquoten berücksichtigen. Entscheidend sei zudem eine systematische Erfolgsmessung von Maßnahmen, um Fortschritte sichtbar zu machen und Best-Practice-Beispiele zu identifizieren.
Lagarde hob die Rolle der Zentralbanken bei der Förderung von Finanzkompetenzen hervor. Finanzielle Bildung sei nicht nur eine individuelle Aufgabe, sondern wichtig für eine stabile Wirtschafts- und Währungsordnung. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, digitaler Finanzinnovationen und einer zunehmenden Komplexität von Finanzprodukten sei es wichtig, Bürgerinnen und Bürger zu befähigen, informierte Entscheidungen zu treffen. Die EZB wolle deshalb ihre Aktivitäten im Bereich Financial Literacy ausbauen und die Zusammenarbeit im Eurosystem vertiefen. Durch die Einbindung von Medien, Influencern/-innen und Bildungsakteuren sollen neue Zielgruppen erschlossen und die Sichtbarkeit des Themas erhöht werden.