Gemeinsam haben Umwelt- und Wirtschaftsausschüsse des Europäischen Parlaments Einspruch gegen die Klassifizierung von Atomkraft und Gas als nachhaltige Geldanlagen eingelegt. Dr. Karolin Kirschenmann, stellvertretende Leiterin des Forschungsbereichs „Altersvorsorge und nachhaltige Finanzmärkte“ am ZEW Mannheim, erklärt dazu:

Portraitfoto von Karolin Kirschenmann
Die EU-Taxonomie zu nachhaltigen Kapitalanlagen setzt aus Sicht von ZEW-Ökonomin Dr. Karolin Kirschenmann falsche Anreize.

„Das klare Abstimmungsergebnis in den Wirtschafts- und Umweltausschüssen über eine Resolution zur Ablehnung der Ergänzungen zur EU-Taxonomie zeigt: Atom und Gas als nachhaltig einzustufen, ist hoch umstritten – und das nicht nur in Brüssel.

Die Debatte um die Klassifizierung von Atom und Gas zeigt deutlich, wie problematisch die Taxonomie als letztlich politisches Instrument ist. Sie spiegelt den momentanen Wissensstand zu nachhaltigen Aktivitäten wider, erfasst aber keinerlei dynamischen Aspekte. Dies wäre aber äußerst wichtig, da heute schwer abzusehen ist, welcher Pfad der effizienteste auf dem Weg hin zur CO2-Neutralität ist. Die Taxonomie alle sechs oder zwölf Monate an mögliche neue Gegebenheiten und Erkenntnisse anzupassen, scheint kaum machbar. Dafür dauern Entscheidungen auf EU-Ebene aufgrund ihrer Komplexität einfach zu lange.

Des Weiteren setzt die Taxonomie falsche Anreize. Solche Unternehmen, deren Aktivitäten als nicht nachhaltig eingestuft werden, werden es vermutlich schwerer haben, sich zu finanzieren. Ihr Spielraum, in die eigene Nachhaltigkeit zu investieren, würde damit geringer. Hingegen fehlt für bereits als nachhaltig eingestufte Unternehmen der Anreiz, in neue umweltfreundliche Technologien zu investieren. Sie können sich auf ihrem grünen Label ausruhen.

Um ein dynamisches System mit den entsprechenden Anreizen für nachhaltigere Investitionen zu schaffen, sollte die Klassifizierung Marktakteuren überlassen werden, wie es auch bei Bonitätsbewertungen von Unternehmen der Fall ist. Hierfür sollte die Politik einen entsprechenden Regulierungsrahmen schaffen und für mehr Transparenz sorgen, so dass die notwendigen Daten erhoben und bereitgestellt werden. Die Bewertung dieser Daten kann dann aber nicht in einem statischen System wie der EU-Taxonomie erfolgen. Vielmehr sollte es die Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit fördern. Denn nur so gelingt der Umbau der gesamten Wirtschaft hin zu Klimaneutralität.

In einem solchen dynamischen System können Finanzströme dann in Investitionen und Tätigkeiten gelenkt werden, die den Weg zu einer nachhaltigen, klimaneutralen Wirtschaft ermöglichen. Ein solches System lässt auch den nötigen Raum für Anpassungen an neue Erkenntnisse und technologische Möglichkeiten.“

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14.06.2022

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