Vor allem Erdgas soll den Wegfall von Atomstrom in Deutschland ersetzen

Forschung

Die in den vergangenen Wochen wieder aufgeflammte Kontroverse um den Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland zeigt, dass dieses Thema noch längst nicht ausdiskutiert ist. So stellt sich nach wie vor die Frage, wie bei einem Anteil der Kernenergie an der deutschen Stromerzeugung von derzeit 28 Prozent dieser Strombedarf nach Abschaltung der Kernkraftwerke gedeckt werden soll.

Die im aktuellen ZEW-Energiemarktbarometer befragten Experten setzen hierbei in ihrer Mehrheit zwar auf "graue" Szenarien, bei denen die klassischen Energieträger und Stromimporte dominieren, eine beachtliche Minderheit hält allerdings auch eine "grüne" Option für möglich, in der gemeinsam mit Gaskraftwerken vor allem die erneuerbaren Energien die Lücke füllen, die die Atomkraft hinterlässt.

Das Energiemarktbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ist eine halbjährliche Umfrage unter mehr als 200 Experten aus Wissenschaft, Energieversorgungs-, Energiehandels- und Energiedienstleistungsunternehmen zu ihren Erwartungen bezüglich der kurz- und mittelfristigen Entwicklung an den nationalen und internationalen Energiemärkten. Wie das aktuelle ZEW-Energiemarktbarometer zeigt, setzt eine deutliche Mehrheit von 46 Prozent der befragten Experten angesichts der fünf Alternativen: Gaskraftwerke, Kohlekraftwerke, erneuerbare Energien, Einsparmaßnahmen und Stromimporte in erster Linie auf den Zubau von Gaskraftwerken, um die wegfallende atomare Kraftwerkskapazität zu ersetzen.

Bei der Frage, mit welchen anderen Energieträgern beziehungsweise Maßnahmen der verstärkte Einsatz von Gas in Zukunft kombiniert wird, um Atomstrom zu ersetzen, gehen die Ansichten der Experten allerdings auseinander. 31 Prozent gehen von Gas in Kombination mit Kohle als den beiden vorrangigen Alternativen aus. Gaskraftwerke und Stromimporte halten mehr als 20 Prozent der Teilnehmer für die wahrscheinlichsten Maßnahmen. Und immerhin mehr als 15 Prozent der Experten vertreten die Meinung, dass eine Kombination von Gas mit erneuerbaren Energien den wichtigsten Ersatz für Atomstrom darstellen wird.

Das Befragungsergebnis legt die Interpretation nahe, dass den Einschätzungen der Experten anscheinend so etwas wie "graue" und "grüne" Erwartungen zugrunde liegen. Kohle und Gas könnte man als "graues" Kernenergie-Ersatzszenario bezeichnen, während Gas und erneuerbare Energien eher eine "grüne" Strategie darstellen. Gleichzeitig zeigt sich, dass praktisch niemand eine Kombination aus Kohlekraftwerken und erneuerbaren Energien für sehr wahrscheinlich hält. Auch technisch wäre diese Kombination wenig sinnvoll, da ein steigender Anteil erneuerbarer Energien oft eine zeitlich schwankende Erzeugung bedeutet, die besser mit den flexibleren Gaskraftwerken als mit Kohle-Mittel- und -Grundlastkraftwerken ausgeglichen werden kann.

Dem "grauen" Ersatzszenario - also dem Zubau von Kohle - und Gaskraftwerken - liegt möglicherweise die Überlegung zugrunde, die durch die Abschaltung der Kernkraftwerke wegfallende Kapazität sei so groß, dass sie nur mit heute schon wirtschaftlichen Technologien ersetzt werden könne, ohne die Versorgung akut zu gefährden. Dagegen könnte die Erwartung eines "grünen" Ersatzszenarios die aktuelle Beschlusslage zu den erneuerbaren Energien und zum Atomausstieg zur Grundlage haben. Unter der Annahme, dass der Atomausstieg bis 2020 nahezu abgeschlossen sein soll, müssten bis zu diesem Zeitpunkt rund 28 Prozent der gesamten Stromerzeugung in Deutschland ersetzt werden. Mit dem geplanten Ausbau der erneuerbaren Energien von heute etwa 10 auf 20 Prozent im Jahr 2020 wäre bereits ein großer Anteil des wegfallenden Atomstroms ersetzt. In Kombination mit diesem Ausbau bietet sich der Zubau von Gaskraftwerken an. Erdgas spielt in der energiepolitischen Diskussion also nicht zuletzt deshalb eine so hervorgehobene Rolle, weil es sowohl Bestandteil einer "grauen" als auch einer "grünen" Energiestrategie ist und damit zumindest teilweise Eigenschaften eines energiepolitischen Konsenses in sich trägt.

In einer energieimportabhängigen Region wie der EU und besonders in Deutschland bleiben Änderungen beim Strommix, wie etwa der erwartete erhebliche Zubau an Gaskraftwerken, nicht ohne Konsequenzen. So gehen 83 Prozent der Experten davon aus, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands vom Erdgas in den nächsten fünf Jahren zunehmen wird. Für die USA erwarten dies dagegen nur 60 Prozent. Ganz anders präsentiert sich das Bild beim Rohöl. Während für Deutschland etwa 47 Prozent der befragten Experten eine zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit von diesem Energieträger erwarten und rund 40 Prozent eine stagnierende beziehungsweise 12 Prozent eine abnehmende Abhängigkeit, geht für die USA eine deutliche Mehrheit von knapp 73 Prozent der Befragten von einer zunehmenden Abhängigkeit vom Rohöl aus. Die im Vergleich zu den USA weniger stark steigende wirtschaftliche Abhängigkeit mag unter anderem die Erwartungen widerspiegeln, dass in Deutschland den Anstrengungen, die Dominanz des Öls zurückzudrängen, durchaus Erfolgschancen eingeräumt werden.

Ansprechpartner

Dr. Ulf Moslener, E-Mail: moslener@zew.de