Die aktuelle Corona-Krise lässt vielen Unternehmen keine andere Wahl als ihren Beschäftigten eine deutlich flexiblere Arbeitsgestaltung zu ermöglichen als bisher. Die Arbeit im Homeoffice ist derzeit essenziell um das Ansteckungsrisiko im Büro oder auf dem Arbeitsweg zu minimieren. Zudem ist eine flexiblere Gestaltung der Arbeitszeiten aufgrund geschlossener Schulen und Kitas häufig unumgänglich. Eine Studie des ZEW Mannheim zeigt in diesem Zusammenhang, dass Unternehmen von flexibler Arbeit profitieren können, wenn sie ihren Beschäftigten eine adäquate digitale Infrastruktur bereitstellen. So sind Unternehmen im Dienstleistungssektor produktiver, wenn sie flexible Arbeitsmodelle einsetzen und ihren Beschäftigten gleichzeitig mobile Endgeräte wie Laptops oder Smartphones zur Verfügung stellen.

ZEW-Studie zeigt, dass Unternehmen durch Homeoffice in der Corona-Krise profitieren können.
Unternehmen im Dienstleistungssektor sind produktiver, wenn sie flexible Arbeitsmodelle mit mobilen Endgeräten für ihre Beschäftigten kombinieren.

Der rasante Fortschritt digitaler Technologien hat dazu geführt, dass Beschäftigte zunehmend auch außerhalb des Unternehmens arbeiten können. Denn um effizient von zu Hause aus arbeiten zu können, ist für viele Tätigkeiten eine funktionierende digitale Infrastruktur unerlässlich. Neben wichtigen E-Mails müssen Beschäftigte auch auf Daten oder Software zugreifen können, die auf den internen Unternehmenslaufwerken gespeichert sind. Zudem müssen die Betroffenen häufig über mobile Endgeräte wie Notebooks, Tablets oder Smartphones verfügen. „Diese mobilen Endgeräte sind heute aus dem Arbeitsalltag nicht mehr wegzudenken. Schon im Jahr 2014 haben insgesamt 23 Prozent der Beschäftigten mobile Geräte verwendet, die ihnen ihr Arbeitgeber zur Verfügung gestellt hat“, sagt Studien-Mitautor Dr. Steffen Viete, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Digitale Ökonomie“ und Mitarbeiter im Stab des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Vertrauensarbeitszeit bietet größtmögliche Flexibilität

Während das Aufkommen von PCs in den 1980er Jahren und der Einzug des Internets in den 1990er Jahren bereits eingehend erforscht wurde, sind Forschungsergebnisse zu den Produktivitätseffekten mobiler Endgeräte bisher noch rar. Die ZEW-Studie zeigt, dass organisatorische Anpassungen notwendig sind, um die positiven Aspekte der neuen, mobilen Technologien voll ausschöpfen zu können. „Vor allem Unternehmen, die ihren Beschäftigten durch eine entsprechende Arbeitsorganisation eine hohe Autonomie bei der Erledigung ihrer Tätigkeiten ermöglichen, können positive Effekte erwarten“, fasst Dr. Daniel Erdsiek, ebenfalls Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Digitale Ökonomie“ und Mitautor der Studie, ein zentrales Ergebnis der Analyse zusammen.

Die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen kann dabei entlang verschiedener Dimensionen erfolgen. Diese reichen von der Arbeitszeit (Gleitzeitmodelle) über den Arbeitsort (Homeoffice) bis hin zu Fragen des täglichen Arbeitspensums oder der Kontinuität der Arbeit (längere Auszeiten, Arbeitszeitkonten). Die größtmögliche Flexibilität räumen Arbeitgeber ihren Angestellten aber mit der sogenannten Vertrauensarbeitszeit ein: Hier haben Beschäftigte selbst die größte Eigenverantwortung mit Blick auf alle genannten Dimensionen der Arbeit. Diese Entwicklung der jüngsten Zeit wurde insbesondere durch das Aufkommen mobiler Endgeräte und des mobilen Internets unterstützt.

Unternehmen profitieren von Kombination mit mobilen Endgeräten

Die Studie basiert auf einer repräsentativen Unternehmensbefragung des ZEW aus dem Jahr 2015, an der sich über 1.000 Unternehmen aus dem Dienstleistungssektor beteiligt haben. In den betrachteten Unternehmen wurden 33 Prozent der Angestellten von ihrem Arbeitgeber mit mobilen Endgeräten ausgestattet und 34 Prozent haben einen Arbeitsvertrag, der Vertrauensarbeitszeit vorsieht. Die Analyse zeigt, dass der positive Zusammenhang zwischen dem Einsatz mobiler Endgeräte und der Unternehmensleistung stärker ist, wenn den Beschäftigten gleichzeitig eine hohe Arbeitsautonomie in Form von Vertrauensarbeitszeiten eingeräumt wird. Ein möglicher Grund: Mobile, digitale Geräte können bei dezentralem Arbeiten die Organisationskosten durch einen erleichterten Zugang zu Informationen senken. Gleichzeitig trägt Vertrauensarbeitszeit zu den Effizienzgewinnen durch den Einsatz mobiler Endgeräte bei. Eine Modellrechnung zeigt, dass eine Erhöhung der Ausstattung mit mobilen Endgeräten um 20 Prozentpunkte mit einem Produktivitätsanstieg von 1,05 Prozent einhergeht, wenn das Unternehmen in einem durchschnittlichen Maße Vertrauensarbeitszeit ermöglicht. Für Unternehmen, in denen 85 Prozent der Beschäftigten unter Vertrauensarbeitszeiten arbeiten, beträgt der beobachtete Produktivitätsanstieg hingegen 4,64 Prozent.

Die Ergebnisse stimmen hinsichtlich der Potentiale der mobilen und flexiblen Arbeit optimistisch. „Allerdings sind die Schlussfolgerungen nicht automatisch auf die aktuelle Krise übertragbar. Anders als die Unternehmen in unserer Studie müssen in der aktuellen Krise viele Arbeitgeber die rapide Veränderung der Arbeitsorganisation ohne vorherige Planungsphase bewerkstelligen. Die steigende Flexibilität in den Arbeitsalltag zu integrieren und die technische Infrastruktur trotz hoher Belastung zu gewährleisten, führt daher momentan sicher noch in vielen Unternehmen zu Schwierigkeiten“, so Daniel Erdsiek. Schließlich eignen sich auch nicht alle Tätigkeiten für das mobile und flexible Arbeiten. „Aus einer langfristigen Perspektive unterstützen die Ergebnisse allerdings die Vermutung, dass die weitere Verbreitung mobiler Technologien auch nach der Krise zu einer wachsenden Bedeutung zeitlicher und räumlicher Autonomie am Arbeitsplatz führen kann“, fasst Steffen Viete zusammen.

Der Beitrag gibt die persönliche Meinung der Autoren wieder und nicht notwendigerweise die des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Datum

25.06.2020

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