Teilkrankschreibung als sinnvolle Strukturreform in Warkens Sparpaket
KommentarZEW-Ökonom Nicolas Ziebarth zur Diskussion um die Reduzierung von Fehlzeiten
Der in der letzten Woche vorgestellte Referentenentwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken setzt in erster Linie auf moderate Sparmaßnahmen, die alle Akteure des Gesundheitswesens gleichermaßen treffen sollen. Eine der wenigen innovativen Strukturreformen des Pakets ist die sogenannte Teilkrankschreibung nach skandinavischem Vorbild. Nicolas Ziebarth, Leiter des Forschungsbereichs „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“ am ZEW Mannheim sowie Professor an der Universität Mannheim hat sich schon seit mehreren Monaten für eine solche Modernisierung des deutschen Lohnfortzahlungssystems ausgesprochen und begrüßt den Vorschlag:
„Wissenschaftliche Forschung zeigt, dass Teilkrankschreibungen Fehlzeiten verringern können. Bei schweren Erkrankungen, insbesondere psychischen Krankheiten, sind sie ein geeignetes Instrument, um die Reintegration in den Arbeitsalltag schrittweise zu vollziehen. In den skandinavischen Ländern sind Teilkrankschreibungen etabliert und machen zum Beispiel in Schweden etwa ein Drittel aller Krankheitstage aus.
Je nach Krankheitsbild und Beruf würden dann 25, 50 oder 75 Prozent eines ganzen Arbeitstages geleistet werden. Das gilt etwa für Rückenschmerzen oder psychische Erkrankungen. Voraussetzung ist, dass die AU-ausstellenden Ärztinnen und Ärzte entsprechend geschult sind, um das Potenzial voll auszuschöpfen.
Gelänge es, nur zehn Prozent der gut 900 Millionen AU-Tage in Halbtagskrankschreibungen umzuwandeln, entstünde der deutschen Wirtschaft ein Plus von etwa 45 Millionen Arbeitstagen. Das ist ungefähr so viel, wie bei der Streichung eines nationalen Feiertages.“
Das Statement basiert auf den Policy Briefs „Karenztage und Absenkung der Lohnersatzrate: Eine ökonomische Einordnung“ vom Oktober 2025 und „Einordnung des deutlichen Anstiegs der krankheitsbedingten Fehlzeiten seit 2022“ vom Oktober 2024 sowie auf dem im April 2026 veröffentlichten Gastbeitrag „Ein Teilzeitkrankenschein schlägt die gekürzte Lohnfortzahlung“ in der WirtschaftsWoche und dem ZEW-Podcast „Was hilft gegen hohe Fehlzeiten?“.