Deutschland ist auf Arbeitskräfte aus anderen EU-Staaten massiv angewiesen. Infolge der EU- Arbeitnehmerfreizügigkeit hat sich die Zahl der zugewanderten Beschäftigten mehr als vervierfacht: 1,3 Millionen Osteuropäer/innen arbeiteten 2020 sozialversicherungspflichtig in Deutschland, vor allem in der Post- und Lagerwirtschaft, Fahrzeugführung und in der Reinigung. Der Großteil zahlt in die deutschen Kassen ein; Beschäftigungen als Minijobber und Entsendungen spielen unter Osteuropäer/innen eine immer geringere Rolle. Zudem arbeiteten Osteuropäer/innen relativ zu deutschen Beschäftigten überproportional häufig in Berufs­gruppen mit Fachkräfte-Engpässen und tragen damit tendenziell zur Entlastung des deutschen Arbeitsmarktes bei. Das geht aus einer aktuellen Kurzexpertise des ZEW Mannheim hervor, die die Folgen der Arbeitnehmer­freizügigkeit aus Mittel- und Osteuropa für den deutschen Arbeitsmarkt betrachtet.

ZEW-Kurzexpertise zu aktuellen Arbeitsmarktveränderungen in Deutschland.
Die aktuelle ZEW-Kurzexpertise zeigt, dass Osteuropäer/innen den deutschen Arbeitsmarkt entlasten.

Seit Inkrafttreten der Arbeitnehmerfreizügigkeit aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten in 2011 ist ein starker Anstieg dieser sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland erkennbar. Insgesamt wuchs der Anteil ausländischer sozialversicherungspflichtig Beschäftigter auf 12,9 Prozent in 2020 an. Dabei kamen im Mittel jährlich knapp 107.000 Personen aus den sogenannten EU-8 und EU-2 nach Deutschland. Das sind Polen, Estland, Lettland, Litauen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn (EU-8), hinzukommen Rumänien und Bulgarien (EU-2). Insgesamt kamen nach den EU-Osterweiterungen stetig mehr Osteuropäer/innen nach Deutschland mit einem Höhepunkt von rund 1,3 Millionen Beschäftigten in 2020.  „Das Beschäftigungswachstum ist stark durch voll sozialversicherungspflichtig Beschäftigte aus Osteuropa getrieben und nicht durch Minijobber. Osteuropäerinnen und –europäer zahlen also in die deutschen Sozialkassen ein und erwerben entsprechende Ansprüche“, sagt Dr. Katrin Sommerfeld, Leiterin der ZEW-Nachwuchsforschungsgruppe „Integration von Migranten/-innen und Einstellungen zum Sozialstaat (IMES)“ und Ko-Autorin. Andere Beschäftigungsformen wie Entsendungen, geringfügige Beschäftigung und Selbstständigkeit stagnieren seit Jahren auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Der Anteil der Minijobber/innen sank von einem knappen Viertel auf nur noch acht Prozent (EU-8) bzw. neun Prozent (EU-2), rund  90.000 Beschäftigte in den letzten Jahren. Für die EU-8-Länder sind zudem Entsendungen die zweite wichtige Beschäftigungsform, die sich seit 2011 bei rund 250.000 Entsendungen eingependelt hat.

Osteuropäer/innen überproportional häufig in Berufsgruppen mit Fachkräfte-Engpässe

Auch ein Blick auf die Berufsgruppen, in den Osteuropäer/innen derzeit tätig sind, bestätigt dieses Bild: So ist die Beschäftigung von EU-8- und EU-2-Bürgern/-innen in der Post- und Lagerwirtschaft am größten (170.000). Mit Abstand folgen Berufe in der Fahrzeugführung (107.000) im Straßenverkehr und in der Reinigung (102.000). Den größten Ausländeranteil osteuropäischer Beschäftigung gibt es in der Reinigung (36 Prozent), im Lebensmittel- und Genussmittel­herstellung (33 Prozent), sowie in der Hochbau (32 Prozent) „Gerade solche Berufe sind durch niedrige Anforderungen an Sprachkenntnissen oder andere nicht-routine interaktiven Aufgaben gekennzeichnet. Viele der Beschäftigte aus den EU-8 und EU-2 arbeiten zwar als Fachkräfte, aber unter ihrem Qualifikationsniveau. Für die Zukunft ist es daher erforderlich, die Qualifikationen der Zuwanderer/-innen noch besser als bisher zu nutzen. Deshalb sollten politische Anstrengungen darauf zielen, entsprechende Karrierewege zu eröffnen“, so Katia Gallegos Torres, Wissenschaftlerin in ZEW-Nachwuchsforschungsgruppe „Integration von Migranten/-innen und Einstellungen zum Sozialstaat (IMES)“ und Ko-Autorin.  

Zudem arbeiten Beschäftigte aus den neuen EU-Ländern im Vergleich zu Deutschen überproportional häufig in solchen Berufsgruppen, welche Fachkräfte-Engpässe aufweisen. Denn laut Analyse zeigt sich, dass sechs der Top 15 Berufsgruppen, in denen Osteuropäer/innen am häufigsten tätig sind, Fachkräfteengpässe aufweisen. Darunter fallen unter anderem Kranken- und Altenpflege, Metallbau oder Landwirtschaft. 43 Prozent der EU-Beschäftigten arbeiten in Engpass-Berufen, während das nur für rund 32 Prozent der Einheimischen gilt. „Insgesamt ist davon auszugehen, dass die bisherige Zuwanderung allerdings nicht ausreicht, um die bestehenden und für die Zukunft erwarteten Fachkräfte-Engpässe zu kompensieren. Ob weitere Migrantengruppen, wie die Asylzuwanderung oder der jüngste Zustrom ukrainischer Geflüchteter, einen Beitrag zur Beseitigung der Engpässe in den genannten Berufen werden leisten können, ist noch unklar“, so Katrin Sommerfeld.

Datum

29.04.2022

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