Deutschland verschenkt Innovationspotenzial

Forschung

ZEW-Studie zur staatlichen Forschungsförderung in der Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie

Die Forschungszulage kommt in der deutschen Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie an: Rund 40 Prozent von etwa 2.700 Unternehmen haben seit 2021 eine solche Förderung beantragt. Doch das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Dabei sind Innovationen ein entscheidender Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit: Neue Produkte und effizientere Verfahren schaffen Wachstum, sichern Wertschöpfung und stärken den Industriestandort Deutschland. Staatliche Förderung kann zusätzliche Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) anstoßen – gerade bei risikoreichen Vorhaben. Umso wichtiger ist es, bestehende Hürden abzubauen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des ZEW Mannheim und des Centers für Wirtschaftspolitische Studien (CWS) der Leibniz Universität Hannover im Auftrag des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). Sie benennt Defizite und unnötigen Verwaltungsaufwand bei der Forschungszulage, eine zu geringe Berücksichtigung von Chemie, Pharma und Biotech bei den Technologieprogrammen sowie Lücken bei der Finanzierung von Start-ups.

Ulrike Zimmer, VCI-Bereichsleiterin Forschung und Technik, betont: „Forschungsförderung darf kein Hindernislauf sein. Wer Innovationen will, darf Forscher nicht an Bürokratie fesseln. Die Politik muss die Förderinstrumente einfacher, verlässlicher und attraktiver machen und Bürokratie abbauen, damit zusätzliche Innovationen möglich werden.“

Dr. Christian Rammer, stellvertretender Leiter des ZEW-Forschungsbereichs „Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik“, erklärt: „Die Forschungszulage ist ein wichtiges Instrument, aber sie erreicht noch nicht alle Unternehmen, die forschen. Gerade für kleinere Unternehmen muss der Zugang einfacher werden. Vor allem der Aufwand, sich in das Verfahren einzuarbeiten und die notwendigen internen Prozesse aufzusetzen, ist eine Hürde.“

Allgemeine Dokumente

Innovationsindikatoren Chemie und Pharma 2026

Forschungszulage: Zugang erleichtern

In der Chemie haben bisher 714 und in der Pharmaindustrie 352 Unternehmen die Forschungszulage beantragt. Bei den bewilligten Vorhaben summierten sich die förderfähigen FuE-Aufwendungen auf knapp 3,6 Milliarden Euro.

Laut Studie stellen kleine und mittlere Unternehmen einen großen Teil der Antragsteller. In der Chemie entfielen 73 Prozent, in der Pharmaindustrie 81 Prozent auf diese Unternehmensgruppe. Dennoch erreicht das Instrument nicht alle grundsätzlich förderfähigen Firmen aus der Branche. Verbesserungspotenziale sieht die Studie bei der derzeitigen Förderobergrenze von 12 Millionen Euro pro Jahr, einer zu niedrigen Förderquote sowie bürokratischen Hemmnissen im Antragsverfahren.

Die Studie schlägt daher vor, das Antragsverfahren zu vereinfachen und die Förderbedingungen weiterzuentwickeln. Dazu gehören eine Anhebung der Förderobergrenze auf 25 Millionen Euro, der Ausbau digitaler Unterstützungsangebote bei der Antragstellung sowie eine attraktivere Förderquote für die industrielle Forschung.

Technologieförderung: Chemie, Pharma und Biotech stärker berücksichtigen

Deutlichen Handlungsbedarf sieht die Studie auch bei den thematisch ausgerichteten Technologieprogrammen des Bundes: Zwischen 2021 und 2025 stellte der Bund dafür jährlich acht Milliarden Euro bereit. Auf chemie-, pharma- und biotechnahe Technologien entfielen sieben Prozent – etwa 500 Millionen Euro.

Dass die Branche bei einer themenoffenen Förderung dagegen deutlich stärker zum Zuge kommt, zeigt das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM): Dort lag der entsprechende Anteil bei 20 Prozent. Zimmer: „Chemie, Pharma und Biotech sind Schlüsselindustrien für Innovation und Transformation. Umso problematischer ist es, wenn die Branche bei der thematisch ausgerichteten Technologieförderung deutlich weniger profitiert als beim Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand.“

Die Studie plädiert daher dafür, die thematische Technologieförderung stärker an den Bedürfnissen der Industrie auszurichten. Gerade für Chemie, Pharma und Biotech geht es dabei um Technologien, die für neue Produkte und Verfahren ebenso entscheidend sind wie für die Transformation des Industriestandorts Deutschland.

Start-ups brauchen besseren Zugang zu Wagniskapital

Seit 2010 wurden mehr als 400 Start-ups in der chemisch-pharmazeutischen und biotechnologischen Industrie gegründet. Damit aus Forschungsergebnissen marktfähige Produkte und Verfahren werden, brauchen junge Unternehmen ausreichend Wagniskapital. Gerade bei technologieintensiven Entwicklungen sind die Wege bis zur Marktreife lang und mit hohen Risiken verbunden.

Die Studie hebt deshalb die Bedeutung verlässlicher Finanzierungsmöglichkeiten hervor. Mehr Kooperationen zwischen Start-ups, Wissenschaft und etablierten Unternehmen können dazu beitragen, Wissen schneller in marktfähige Produkte zu überführen. Auch bei der Regulierung muss sich etwas bewegen. Die Studie rät deshalb zu Experimentierräumen und Reallaboren für alle Unternehmen unabhängig von ihrer Größe und Reife, in denen neue Technologien unter praxisnahen Bedingungen erprobt und schneller zur Marktreife gebracht werden können.

Über die Methodik

Die Studie untersucht die Forschungs- und Innovationsleistung der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie anhand einer Vielzahl von Indikatoren. Der diesjährige Schwerpunkt liegt auf der Finanzierung von Forschung und Innovation. Ausgewertet werden unter anderem Daten der Bescheinigungsstelle Forschungszulage, des Mannheimer Innovationspanels des ZEW, der Wissenschaftsstatistik des Stifterverbands, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie Daten zu staatlichen Technologieprogrammen und Wagniskapitalinvestitionen von Invest Europe und PitchBook.

Datengrundlage für die Berechnung der förderfähigen Firmen sind rund 4.680 Chemie-, Pharma- und Biotechunternehmen, die in der Umsatzstatistik aufgeführt wurden. Davon wurden rund 2.700 Unternehmen mit relevanten FuE-Ausgaben betrachtet.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie hat 2025 knapp 16 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert.