Die Nachfrage nach Vorleistungen, Investitionsgütern und langlebigen Konsumgütern reagiert vermutlich in stärkerem Maße als die Nachfrage nach kürzerlebigen Konsumgütern auf Zinsänderungen. Dies spricht dafür, dass Baden-Württemberg mit seiner Exportorientierung und -spezialisierung stärker als der Durchschnitt der übrigen Bundesländer von Änderungen des Zinsniveaus in den Hauptabnehmerländern seiner Erzeugnisse betroffen sein könnte. Die einheitliche Geldpolitik der Europäischen Zentralbank gewinnt aus dieser Perspektive besondere Bedeutung für das Wirtschaftsgeschehen im Bundesland. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene werden die realwirtschaftlichen Änderungen, die durch die Währungsunion eintreten, zwar als wenig problematisch eingeschätzt. So liefen die Konjunkturzyklen in den Kernländern der Währungsunion auch bisher schon auch ziemlich synchron. Auch die Wirkungen von Zins- und Wechselkursinstrumenten auf die Verringerung von Wachstums- und Beschäftigungsdifferentialen zwischen den Mitgliedsländern können als recht gering veranschlagt werden. Es ist jedoch fraglich, ob diese für größere Aggregate abgeleiteten Ergebnisse auf das export- und investitionsgüterorientierte Baden-Württemberg übertragen werden können.

Im Projekt wurden daher die spezifischen Auswirkungen der geldpolitischen Vereinheitlichung auf die baden-württembergische Exportwirtschaft näher analysiert. Die Analyse der Strukturen des Bankensystems lässt vermuten, dass unterschiedliche Reagibilitäten auf geldpolitisch induzierte Änderungen der Kurzfristzinsen vorliegen können. Die empirischen Untersuchungen bestätigen die Vermutungen, die auf der Basis der institutionellen Analyse gewonnen werden konnten. Großbritannien als Land mit weit entwickeltem Kapitalmarkt und einem vergleichsweise stark konzentrierten Bankensystem scheint von geldpolitischen Steuerungsimpulsen vergleichsweise gering betroffen zu sein. Im Gegensatz dazu werden die Exporte nach Italien vermutlich aufgrund der Größenstruktur im Bankensektor, der höheren Anzahl und geringeren Rentabilität von Banken und des fehlenden Kapitalmarktzugangs für die relativ stärker vertretenen kleinen und mittleren Unternehmen stärker von Änderungen der Kurzfristzinsen beeinflusst. Für die übrigen Länder (Niederlande, Frankreich, Österreich) sind die Ergebnisse uneinheitlich.

Aus Sicht der baden-württembergischen Exportwirtschaft können die Ergebnisse folgendermaßen interpretiert werden: Änderungen der geldpolitischen beeinflussten Kurzfristzinsen rufen Reaktionen in der Nachfrage nach Exportgütern am ehesten in Italien und – mit Einschränkungen – in Frankreich hervor. Änderungen des langfristigen Zinsniveaus beeinflussen in den meisten hier betrachteten Ländern die Nachfrage nach baden-württembergischen Exporten. Ausnahmen sind vor allem die Kraftfahrzeugexporte, die generell wenig zinsreagibel zu sein scheinen, und die Exporte nach Großbritannien, hier mit Ausnahme chemischer Produkte. Insofern sind die Strukturunterschiede in der geldpolitischen Transmission zumindest kurzfristig für die baden-württembergische Wirtschaft relevant.

Allerdings ist davon auszugehen, dass sich der geldpolitische Transmissionsprozeß durch zunehmende Wettbewerbsintensität im Bankensektor, zunehmende Kapitalmarktintegration und Disintermediation sowie Angleichung der Zahlungsverkehrssysteme und Zahlungssitten weiter vereinheitlichen wird.

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