ZEW-Präsident Wolfgang Franz zum Thema "Mittelstand"

Standpunkt

Den Mittelstand – gibt's den überhaupt? Diese Fragestellung mag seltsam anmuten, ist doch tagtäglich von ihm die Rede. In praktisch jeder Ansprache nehmen Politiker auf ihn Bezug und beteuern in Form von Mittelstandsinitiativen ihre Sympathie und Anerkennung. Großunternehmen wählen ihn als Zielgruppe für unterschiedliche Aktivitäten, wie etwa unlängst ein führendes deutsches Softwareunternehmen. Es gibt Institute für Mittelstandsforschung und Mittelstandsbeauftragte. Kurzum, der Mittelstand ist in aller Munde - aber wer ist eigentlich gemeint?

Die gebräuchlichen Kriterien zur Eingrenzung des Mittelstands beziehen sich auf die Anzahl der Beschäftigten (höchstens 500) und den Jahresumsatz (maximal 50 Millionen Euro). Legt man diese Definition zugrunde, dann gehören in Deutschland rund 99 v.H. aller Unternehmen mit etwa 70 v.H. aller Beschäftigten dem Mittelstand an. So gesehen ist dann jegliche Wirtschaftspolitik automatisch Mittelstandspolitik, eine Mittelstandsforschung entpuppt sich als eine Unternehmensforschung, und ein Mittelstandsbeauftragter fungiert als ein Unternehmensbeauftragter, selbst wenn dies nicht ganz so wählerwirksam klingen mag. Daran ändert sich wenig, wenn eine striktere Eingrenzung vorgenommen wird. Ende des Jahres 2005 gab es in Deutschland rund 3,35 Millionen Betriebe. Darauf entfielen knapp 3 Millionen Kleinstbetriebe mit bis zu 9 Beschäftigten und lediglich etwas über 11 Tausend mit mehr als 249 Beschäftigten. Mit anderen Worten, rund 90 v.H. aller Betriebe sind Kleinstbetriebe. Damit liegt Deutschland im Vergleich mit den EU-15-Ländern unterhalb des Durchschnitts. Dabei spielt natürlich die Branchenstruktur eine wichtige Rolle, was an der sehr hohen Bedeutung in der Größenordnung von über 95 v.H. für Griechenland und Italien deutlich wird. So gesehen gibt die statistische Aufteilung nach Beschäftigtenzahl und Umsatzhöhe also nicht viel her. Stattdessen sollte eine Segmentierung – so sie überhaupt erforderlich ist – eher nach konkreten Fragestellungen vorgenommen werden. Dies könnte unter anderem die Rolle von Familienunternehmen ins Blickfeld nehmen, differenziert danach, ob es sich um im Familienbesitz befindliche Unternehmen handelt und Familienangehörige im betreffenden Unternehmen tätig sind. Des Weiteren könnten die Auswirkungen der Unternehmenssteuerreform auf unterschiedliche Unternehmenstypen analysiert werden. Oder die Abhängigkeit als Zulieferbetrieb für Großunternehmen könnte thematisiert werden. Als die berühmten schwäbischen Mittelständler kämen so gesehen auch die Firmen Bosch, Daimler etc. in Betracht. Ein weiterer Aspekt betrifft das Gründungsgeschehen. Seit dem Jahr 2005 ist in Deutschland die Anzahl der Gründungen rückläufig, übersteigt indessen die der Liquidationen, weshalb der Unternehmensbestand weiter zugenommen hat. Im Vergleich zu Frankreich, Japan, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten ist das Gründungsgeschehen in Deutschland schwächer entwickelt, insbesondere auch bei den wissensintensiven Dienstleistungen, aber teilweise ebenso bei der forschungsintensiven Industrie. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Gründungen aus Arbeitslosigkeit haben aufgrund der Neuausrichtung des betreffenden arbeitsmarktpolitischen Instrumentariums abgenommen, und der lang anhaltende Konjunkturaufschwung hat der von den meisten (jungen) Leuten präferierten Option eines abhängigen Beschäftigungsverhältnisses bessere Realisierungschancen beschert. Überhaupt dürfte das kulturelle Gründungsklima eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Wie oft hört man die Leute über die nach ihrer Ansicht ungerechte Einkommensverteilung zugunsten der Unternehmensgewinne lamentieren. Der Hinweis, dass es jedermann unbenommen bleibt, durch Selbstständigkeit ebenfalls hohe Gewinne zu erzielen, bewirkt dagegen in aller Regel einen Heiterkeitserfolg, mitunter entrüstete Ablehnung. Wenn die Wirtschaftspolitik also eine zielführende Mittelstandspolitik zu betreiben verspricht, so ist das sehr zu begrüßen, denn das bedeutet nichts andere als eine gute Wirtschaftspolitik.