Lieferstopp für russische Energie als Sanktion – kann sich Deutschland das leisten? Hierzu diskutieren der Bonner Ökonom Prof. Dr. Moritz Schularick und ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach, PhD, im Handelsblatt (ein Auszug aus dem Handelsblatt-Interview vom 22. März 2022).

Deutschland diskutiert über ein Embargo für russische Energie. Eine gute Idee?

Die Ökonomen Moritz Schularick (links im Bild) und Achim Wambach (rechts im Bild) diskutieren über einen möglichen Lieferstopp für russische Energie.

Schularick: Wir sollten einen sofortigen Lieferstopp für russisches Gas, Öl und Kohle verhängen. Eine solche Maßnahme würde die deutsche Wirtschaftsleistung um drei Prozent in diesem Jahr geringer ausfallen lassen, es entstünde ein Schaden von rund 120 Milliarden Euro. Das mag nach viel klingen, aber wir könnten das problemlos auffangen. Der Weltuntergang bleibt aus.

Wambach: Eure Studie ist gut, sie bildet aber nicht die ganze Wahrheit ab. In der detaillierteren Version ist sogar von einem geringeren Wirtschaftseinbruch von 0,3 Prozent die Rede. Ich habe den Eindruck, ihr seid ob des geringen Wertes nervös geworden und habt mal lieber eine zweite Berechnung mit einem einfacheren Modell gemacht. Aber auch diese vernachlässigt doch vieles.

Was denn?

Wambach: Eure Rechnung ist ohne Arbeitslosigkeit und ohne Inflation. Das Hauptproblem aber ist die Analyse der Substituierbarkeit von Gas. Wenn wir keines mehr aus Russland haben wollen, brauchen wir Ersatz. Den gibt es aber nicht so einfach. Die Studie tut aber so, als könnten wir das Gas leicht ersetzen.

Schularick: Nein, das tut sie nicht. Nur scheint die Politik die Möglichkeiten, uns von russischem Gas unabhängig zu machen, vollkommen zu unterschätzen. Das ist ein Denkfehler.  Die ökonomischen Erkenntnisse der Vergangenheit zeigen uns, dass in solchen Krisen die Suche nach Ersatz viel leichter fällt.

Kommt die ökonomische Politikberatung bei einer Frage wie einem Energie-Embargo an ihre Grenzen?

Wambach: Ökonomen müssen auf die ökonomischen Effekte einer solch drastischen Maßnahme natürlich hinweisen. Wenn man aber eine sinnvolle Einschätzung der kurzfristigen Ersatzmöglichkeiten bei Energie haben will, ist es gut, auch die Experten und Betroffenen zu hören. Ich rate allen Ökonomen dazu, gerade in solchen Zeiten sich den Grenzen ihrer Analyse bewusst sein.

Schularick: Niemand sagt, hier kommen ein paar Ökonomen mit einem fancy Modell und damit sind alle weltpolitischen Fragen geklärt. Aber nach allem, was wir wissen, sind die ökonomischen Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft nicht im Bereich der Weltuntergangs-Panikmache, die man von manchen interessierten Verbänden hört.

Am Ende ist ein Energieembargo eine Abwägungsfrage, für wen der Schaden größer ist: Für uns oder für Putin.

Schularick: Ein Drittel des russischen Haushalts besteht aus Einnahmen durch die Mineralöl-Steuer. Wenn diese Einnahmen wegfallen, hat Russland ein großes finanzielles Problem.

Wambach: Da gehst Du davon aus, Gazprom würde bei einem westlichen Embargo nichts an seinen Verträgen ändern. Wenn ich einem Lieferanten, von dem ich abhängig bin, sage, ich kaufe jetzt ein Drittel weniger Ware bei dir, dann kann es gut passieren, dass er den Preis um ein Drittel erhöht.

Schularick: Deswegen braucht es ja ein komplettes Embargo.

Wambach: Aber dabei vernachlässigst du doch, ob das strategisch überhaupt klug ist: Ich hätte diese Sanktion vor Ausbruch des Kriegs verstanden, um den Krieg zu verhindern, jetzt aber fällt es mir schwerer. Die Bundesregierung betont von morgens bis abends, sich von russischer Energie unabhängiger zu machen. Die EU will russische Gasimporte innerhalb eines Jahres um zwei Drittel reduzieren. Wenn Putin also weiß, dass er in einem halben Jahr keine Energie mehr an uns verkaufen kann - egal wie er sich verhält - warum sollte er sein Verhalten ändern, wenn es ihm jetzt schon nicht mehr möglich ist?

Schularick: Die Frage ist doch: Können wir Putin zu der Einsicht zu bewegen, dass er sich geirrt hat? Nach den Bildern, die wir sehen, kann das wohl kaum einer glauben. Der Schaden für die deutsche Wirtschaft wird umso größer, je später wir uns zu einem Embargo durchringen. Jetzt ein halbes Jahr zu warten, lässt die Rechnung explodieren. Wenn wir im Herbst dastehen und nichts getan haben, sind wir wirklich auf Putins Gas angewiesen.

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Datum

24.03.2022

Kategorie
Schlagworte

Ukraine | Russland | Embargo | Energie

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