In Deutschland benötigen Haushalte mit niedrigem Einkommen durchschnittlich mehr Zeit, um Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen zu erreichen. Die Unterschiede zu wohlhabenderen Haushalten betragen zwar meist nur wenige Minuten pro Weg, aufs Jahr gesehen bedeuten diese aber eine deutliche zeitliche Mehrbelastung.

Ärmstes Fünftel braucht jährlich 33 Stunden länger zur Schule
Kinder und Jugendliche aus den ärmsten 20 Prozent der Haushalte wohnen durchschnittlich fünf Minuten länger von der weiterführenden Schule entfernt als Kinder aus den übrigen Haushalten.

Die längeren Wegstrecken gehen einher mit einer geringeren Zufriedenheit mit dem eigenen Wohnumfeld, wie eine aktuelle Analyse des ZEW Mannheim gemeinsam mit der Universität Göttingen zeigt. Datengrundlage ist der ARB-Survey, der 2018/2019 für den Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht (ARB) der Bundesregierung durchgeführt wurde. Für die statistische Auswertung wurden die untersuchten Haushalte anhand ihres Einkommens in fünf gleich große Gruppen eingeteilt.

Ärmstes Fünftel braucht jährlich 33 Stunden länger zur Schule

Die durchschnittliche Entfernung zum Kindergarten beträgt in Deutschland gut sieben Minuten. Während jedoch in den ärmsten 20 Prozent der Haushalte die Hälfte der Kinder länger als zehn Minuten zum Kindergarten braucht, gilt dies in den übrigen 80 Prozent für höchstens ein Viertel. Der Befund der längeren Wegdauer bleibt auch dann bestehen, wenn man weitere Faktoren, wie etwa den Unterschied zwischen Stadt und Land, berücksichtigt.

Ähnliche Zusammenhänge zwischen Haushaltseinkommen und Wegdauer zeigen sich auch bei Schulen. Im Bundesdurchschnitt dauert der Weg zur Grundschule neun Minuten, Schüler/innen aus den ärmsten 20 Prozent der Haushalte haben jedoch längere Wege als alle anderen. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Zusammenhang bei weiterführenden Schulen. Der Weg zur weiterführenden Schule beträgt im Durchschnitt 18 Minuten. Schüler/innen aus den ärmsten 20 Prozent der Haushalte hingegen wohnen im Mittel etwa fünf Minuten länger von der weiterführenden Schule entfernt als alle übrigen Haushalte. „Die Unterschiede für die einzelne Wegstrecke scheinen zwar nicht allzu groß. Bei etwa 200 Schultagen im Jahr bedeuten die täglich zwei Mal fünf Minuten aber eine zeitliche Mehrbelastung von 2.000 Minuten, also etwa 33 Stunden pro Jahr“, sagt ZEW-Wissenschaftler und Studienautor Prof. Dr. Holger Stichnoth.

„Kinder aus reicheren Haushalten verfügen nicht nur über größere soziale Netzwerke, unterstützende Nachbarschaften oder eine höhere kulturelle Bildung. Sie haben auf Jahressicht außerdem mehr Zeit zur Verfügung, die sie für Hausaufgaben oder Hobbys nutzen können. Bei der Stadt- und Gemeindeentwicklung sollten politische Entscheider/innen auch berücksichtigen, dass alle Kinder gleich guten Zugang und gleich lange Wege zur Schule haben“, ergänzt Co-Autorin Prof. Dr. Claudia Neu von der Universität Göttingen.

Wie die Analyse von ZEW und Universität Göttingen weiterhin zeigt, geht eine größere Entfernung mit einer geringeren Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld einher, dies aber erst ab einer Wegstrecke von 15 Minuten. Und: Je weiter Haushalte von den Einrichtungen entfernt leben, desto größer ist ihr Wunsch nach mehr Investitionen in diesem Bereich. Dieser Zusammenhang wird vor allem bei weiterführenden Schulen deutlich: So wünschen sich 19 Prozent der Haushalte, die einen Schulweg von höchstens fünf Minuten haben, mehr Investitionen. Bei denen, die mehr als 20 Minuten benötigen, liegt der Anteil bei 38 Prozent und damit doppelt so hoch.

Entfernung zur Gesundheitsversorgung ist vom Einkommen abhängig

Gefragt nach der Entfernung zum nächsten Arzt oder Krankenhaus, berichten die ärmsten Haushalte die im Vergleich längsten Wege.

Auch der Zugang zu weiteren Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie Gesundheitsversorgung oder kulturellem Angebot ist vom Einkommen abhängig. Gefragt nach der Entfernung zum nächsten Arzt oder Krankenhaus, berichten die ärmsten Haushalte die im Vergleich längsten Wege. Während in allen Einkommensquintilen die Hälfte der Haushalte maximal zehn Minuten zum nächsten Arzt unterwegs ist, kommen längere Wege von 20 Minuten oder mehr vor allem im ärmsten Quintil vor. Unter diesen Personen ist der Wunsch nach Investitionen in das Gesundheitssystem mit 59 Prozent besonders ausgeprägt. Wer den Arzt hingegen in maximal fünf Minuten erreicht, sieht deutlich seltener Investitionsbedarf (29 Prozent).

Zur nächsten kulturellen Einrichtung oder Veranstaltung wie etwa Kino oder Theater benötigen die befragten Haushalte im Durchschnitt rund 20 Minuten. Der Median liegt in vier der fünf der Quintile ebenfalls bei 20 Minuten, nur im reichsten Fünftel der Haushalte bei 15 Minuten. Dies gilt auch unabhängig von der Gemeindegröße und anderen Merkmale, in denen sich die Wohnorte unterscheiden. Investitionsbedarf in Freizeitangebote sehen nur 24 Prozent der Befragten und dies weitestgehend unabhängig von der Entfernung zur nächstgelegenen Kultureinrichtung.

Datum

13.09.2021

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