Abschlüsse verbessern Berufseinstieg, verursachen aber hohe Kosten
ForschungZEW-Studie über Ausbildungen für Studierende an französischen Universitäten
Frankreich hat die betriebliche Ausbildung in den vergangenen Jahren massiv ausgeweitet – auch im Hochschulbereich bis hin zum Masterabschluss. Eine neue Studie des ZEW Mannheim zeigt: Seit der Reform von 2018 ist die Zahl der Ausbildungsverträge deutlich gestiegen, besonders an Hochschulen. Zugleich haben sich die öffentlichen Ausgaben für Ausbildung von 5,5 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf mindestens 16 Milliarden Euro im Jahr 2023 erhöht. Der Vorteil entsteht vor allem dadurch, dass Ausbildungsbetriebe Studierende mit Ausbildungsvertrag nach dem Abschluss übernehmen. Absolventen/-innen mit Ausbildung erzielen bessere Beschäftigungs- und Lohnergebnisse als Absolventen/-innen ohne Ausbildungsvertrag.
„Frankreich ist in Europa ein Sonderfall, weil Berufsausbildungen dort nicht nur im klassischen betrieblichen Bereich, sondern auch im Hochschulsystem stark gefördert werden. Unsere Ergebnisse zeigen, dass dies jungen Menschen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern kann – aber nicht automatisch zu mehr zusätzlicher Beschäftigung führt“, sagt Jérémy Hervelin, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich „Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen“. „Gerade bei betrieblichen Ausbildungen im Hochschulbereich stellt sich die Frage, ob unbegrenzte öffentliche Förderung effizient ist. Wenn Unternehmen Studierende mit Ausbildungsvertrag vor allem einstellen, weil dadurch Arbeitskosten staatlich subventioniert werden, müssen Förderinstrumente gezielter ausgestaltet werden.“
Beschäftigungsvorteil vor allem durch Übernahme im Betrieb
Absolventen/-innen mit Ausbildungsvertrag schneiden auf dem Arbeitsmarkt besser ab als Absolventen/-innen ohne Ausbildungsvertrag. Sechs Monate nach dem Abschluss waren 58 Prozent der Absolventen/-innen mit Ausbildungsvertrag beschäftigt, nach einem Jahr 67 Prozent und nach zwei Jahren 72 Prozent. Bei Absolventen/-innen ohne Ausbildungsvertrag lagen die entsprechenden Werte niedriger. Besonders groß ist der Unterschied im Hochschulbereich: Ein Jahr nach dem Abschluss waren 75 Prozent der Hochschulabsolventen/-innen mit Ausbildungsvertrag beschäftigt, gegenüber 61 Prozent der Hochschulabsolventen/-innen ohne Ausbildungsvertrag.
Die Studie zeigt, dass dieser Vorsprung vor allem auf die Übernahme durch den Ausbildungsbetrieb zurückzuführen ist. Wer nicht übernommen wird, hat kaum bessere Chancen als vergleichbare Studierende ohne Ausbildung.
Hohe Kosten und schwächere Passung nach der Reform
Die schnelle Ausweitung seit 2018 hat Nebenwirkungen. Die Zahl der Ausbildungsbetriebe ist einerseits stark gestiegen, zugleich gibt es aber auch Hinweise auf schwächere Passungen zwischen Betrieben und Studierenden mit Ausbildungsvertrag.
Der Anteil vorzeitig beendeter Ausbildungsverträge nahm insbesondere im Hochschulbereich deutlich zu. Geschätzt rund 70 Prozent dieses Anstiegs vorzeitig beendeter Ausbildungsverhältnisse im Hochschulbereich gehen auf die Reform von 2018 zurück. Hinzu kommen mögliche Mitnahmeeffekte: Ein Teil der geförderten Stellen dürfte nicht zusätzlich entstanden sein, sondern reguläre Beschäftigung ersetzt haben.
Fördermittel sollten laut der Studie stärker auf Ausbildungsgänge mit stabileren betrieblichen Passungen konzentriert und die Verbindung zwischen Hochschulen und Arbeitsmarkt gezielt verbessert werden.
Datengrundlage
Die Studie basiert auf französischen Verwaltungs- und Bildungsdaten. Für die Analyse der Beschäftigungs- und Lohnentwicklung werden Daten zu Absolventen/-innen des Jahrgangs 2020/21 ausgewertet und Personen mit Ausbildungsvertrag mit Studierenden ohne Ausbildungsvertrag verglichen. Zudem werden administrative Daten zu Ausbildungsverträgen und vorzeitigen Vertragsbeendigungen zwischen 2012 und 2022 einbezogen. Mithilfe ökonometrischer Schätzungen wird außerdem analysiert, wie sich die Reform von 2018 auf die Zahl vorzeitig beendeter Ausbildungsverhältnisse im Hochschulbereich ausgewirkt hat.
Ausbildung an französischen Hochschulen
Eine Ausbildung an Hochschulen in Frankreich bedeutet eine Verbindung von betrieblicher Tätigkeit und akademischem Studium. Studierende sind bei einem Unternehmen angestellt und werden dort praktisch ausgebildet, während sie zugleich Lehrveranstaltungen besuchen und einen Hochschulabschluss bis hin zum Master erwerben können. Das Modell ähnelt damit dem dualen Studium in Deutschland. Anders als hierzulande, wo betriebliche Ausbildung und Hochschulstudium grundsätzlich getrennte Bildungswege sind und das duale Studium eine besondere Studienform darstellt, ist die betriebliche Ausbildung in Frankreich umfassend in das Hochschulsystem integriert. 2023/24 absolvierten mehr als 635.000 Auszubildende ihre Ausbildung im Hochschulbereich.