ZEW Lunch Debate in Brüssel zur Krise und ihrer Wirkung auf Einkommensverteilung und Wohlstand

ZEW Lunch Debate in Brüssel

Verschärfen die fiskalpolitischen Krisenmaßnahmen die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen im Euroraum? Mit dieser Frage beschäftigte sich die mittlerweile bereits vierte ZEW Lunch Debate in Brüssel in diesem Jahr. Sie fand in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der Europäischen Union statt.

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Leiter der Landesvertretung, Johannes Jung, stellte ZEW-Präsident Prof. Dr. Clemens Fuest die drei Teilnehmer an der Podiumsdiskussion vor: Prof. Dr. Andreas Peichl, Leiter der ZEW-Forschungsgruppe "Internationale Verteilungsanalysen" und Professor an der Universität Mannheim; Herwig Immervoll, PhD, Senior Economist und Leiter der "Beschäftigungsorientierten Sozialpolitik" bei der OECD; Gaëtan Nicodème, PhD, Leiter der Abteilung "Wirtschaftliche Aspekte der Besteuerung" bei der Europäischen Kommission. Rund 60 Teilnehmer aus Europäischer Kommission, Europäischem Parlament, Verbänden, wissenschaftlichen Institutionen und den Medien waren der Einladung des ZEW zu dieser Veranstaltung gefolgt. Geboten wurden drei interessante Vorträge und eine angeregte Diskussion der Podiumsteilnehmer, an der sich auch die Zuhörer beteiligten.

Zu Beginn seines Vortrags gab Andreas Peichl einen Überblick über die Entwicklung der öffentlichen Ausgaben und Steuereinnahmen während der Krise. Den eigentlichen Kern seines Vortrags bildete jedoch die Analyse des Einflusses von Austeritätspolitik und Staatsausgaben auf die Entwicklung von Ungleichheitsmaßen. Ein zentrales Ergebnis war hierbei die große Heterogenität der Befunde zwischen den betrachteten Einzelstaaten. Ein Patentrezept, quasi als fiskalpolitische Empfehlung für Staaten im Krisenfall, lässt sich aus diesen Ergebnissen nicht ableiten. Am Ende seines Vortrags wies Peichl noch auf die Notwendigkeit einer zeitnahen Verfügbarkeit von Daten hin, vor allem in Bezug auf Mikrodaten aus Steuererklärungen. Nur so sei es möglich, die Auswirkungen der Krise zu evaluieren und evidenzbasierte Forschung durchzuführen.

Im Anschluss an Peichl präsentierte Herwig Immervoll eine Reihe von Einkommensungleichheitsmustern, wie sie nach Wirtschaftskrisen in OECD-Ländern beobachtet werden konnten. Auch hier waren große Unterschiede zwischen den einzelnen Staaten feststellbar. Er betonte, dass eine ökonomische und fiskalische Krise immer auch eine soziale Krise sei und in dieser Situation insbesondere die Arbeitslosen entsprechender Unterstützung bedürften. Derzeit seien vor allem jüngere Arbeitnehmer hart von der schlechten Wirtschaftslage vieler EU-Länder betroffen. Um die langfristigen Kosten der Krise zu reduzieren, forderte er eine aktive Sozialpolitik für die ärmsten Bevölkerungsschichten und die Arbeitslosen wie etwa Arbeitsmarktprogramme und die Absicherung eines Mindestwohlstandsniveaus. Ad-hoc-Hilfen sollten seiner Meinung nach von einem krisensicheren System sozialer Sicherheit abgelöst werden, das antizyklisch wirken und sich durch weniger variable Einkünfte auszeichnen sollte.

Gaëtan Nicodème nahm den Faden aus den vorhergegangenen Vorträgen auf und gab aufschlussreiche Einblicke in die ungleiche Vermögensverteilung und die Zusammensetzung der Gesamtvermögenswerte in der Eurozone. Dabei wies er darauf hin, wie wichtig es ist, bei der Betrachtung der Vermögensverteilung immer die Unterschiedlichkeit von Vermögenswerten wie Finanzanlagen und Immobilien im Blick zu haben. Beide Vermögensgegenstände stellen potenzielle Einkommensquellen dar und sind somit bei einem konjunkturellen Abschwung von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus präsentierte er die Zusammensetzung der Einkünfte auf unterschiedlichen Einkommensniveaus im Laufe der Krise. Dabei zeigte sich, dass in vielen EU-Ländern zwar die ärmsten Bevölkerungsschichten besonders hart betroffen waren, allerdings nicht sie alleine. Auch hier wurden tief greifende Unterschiede zwischen den einzelnen EU-Mitgliedstaaten sichtbar. Damit stützten auch seine Ausführungen den Befund unterschiedlicher Auswirkungen fiskalischer Maßnahmen in den Einzelstaaten während der Krise.

An die drei Vorträge schloss sich eine lebhafte Podiumsdiskussion unter Einbeziehung der Zuhörer an. Zu den hierbei diskutierten Themen zählten unter anderem die Bedeutung der Vorschläge der Europäischen Kommission bezüglich fiskalischer Konsolidierung und Staatsausgaben, die Beziehung zwischen Steuerprogressivität und Umverteilung sowie das Ausmaß, in dem gerade die ärmsten Bevölkerungsschichten in der gegenwärtigen Krise Belastungen ausgesetzt sind. Dabei kam insbesondere auch die Jugendarbeitslosigkeit in Europa zur Sprache.

Download der Präsentation von Herwig Immervoll (als PDF, 1,76 MB)

Download der Präsentation von Andreas Peichl (als PDF, 776 KB)

Download der Präsentation von Gaëtan Nicodème (als PDF, 387 KB)