>Eine ZEW-Studie macht darauf aufmerksam, dass in Deutschland in den letzten Jahren etwa 13 Prozent der Jugendlichen in der Alterspanne zwischen 17 und 19 Jahren als unverbunden gelten – Tendenz steigend. In der Kohorte der 1990 Geborenen waren das etwa 130.000 Personen. Diese Jugendlichen besuchen keine Schule, gehen keiner regelmäßigen Arbeit nach und haben keine festen, länger andauernden Freundschaften. PD Dr. Friedhelm Pfeiffer, Bildungsökonom am ZEW, spricht über Ursachen und Folgen dieser Fehlentwicklung und plädiert für eine Abkehr vom Gießkannenprinzip bei der staatlichen Förderung von Kindern und Jugendlichen.

PD Dr. Friedhelm Pfeiffer ist stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs Arbeitsmärkte, Personalmanagement und Soziale Sicherung am ZEW. Sein Forschungsinteresse gilt den Wirkungen optimierter Bildungsinvestitionen für individuelle und gesamtwirtschaftliche Erträge sowie den Ursachen und Konsequenzen des Erwerbs von kognitiven und nicht kognitiven Fähigkeiten im Lebenszyklus. Er koordiniert das mit Mitteln des Paktes für Forschung und Innovation geförderte Netzwerk "Nichtkognitive Fähigkeiten: Erwerb und ökonomische Konsequenzen", eine Forschungskooperation mit den Universitäten Chicago und Konstanz sowie dem Zentrum für Bildungsökonomik in London, dem Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und dem Sozio-oekonomischen Panel in Berlin.

Deutschland gilt als Bildungsrepublik. Nach Ihren Studien sind daran Zweifel angebracht?

Pfeiffer: Uns hat das Ausmaß der Unverbundenheit von Jugendlichen sehr erstaunt. 13 Prozent der Jugendlichen eines Jahrgangs, das ist schon eine bedenkliche Größenordnung. Es muss allerdings einschränkend hinzugefügt werden, dass dieser Wert aus einer Stichprobe aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) berechnet wurde, und daher auch etwas kleiner oder größer sein kann. Jedoch zeigt ein Blick in die offiziellen Bildungsstatistiken, dass das Ausmaß der Unverbundenheit eher unterschätzt wird. So weist der Sachverständigenrat in seinem jüngsten Gutachten darauf hin, dass beispielsweise acht Prozent der Kinder eines Jahrgangs überhaupt keinen Schulabschluss erwerben. Die PISA-Studien haben gezeigt, dass bis zu 20 Prozent der Jugendlichen nicht ausreichend lesen und rechnen können.

Woran liegt es, dass so viele Kinder und Jugendliche in der Schule große Probleme haben?

Pfeiffer: Unsere Analysen verdeutlichen, dass tiefer liegende Ursachen in der Familienumgebung zu finden sind. Es gelingt den Bildungseinrichtungen nicht, die enormen Unterschiede in der Qualität des Familienumfelds auszugleichen. Die grundlegenden Fähigkeiten, die es ermöglichen, die Schule erfolgreich zu durchlaufen, werden in der Familie erworben. Grade die frühen und ganz frühen Lebensphasen sind bereits wichtig für den Aufbau der weiteren Lernkapazitäten. Eine anregende, mitfühlende Umgebung in den ersten Lebensmonaten und Jahren ist förderlich. Familienverhältnisse mit vielfältigen psychosozialen und sozio-ökonomischen Belastungen erschweren die Entwicklung. Vielfach erwerben Kinder in solchen Verhältnissen trotz ihrer vorhandenen Intelligenz nicht die Ausdauer und Selbstdisziplin, um in der Schule entsprechend mithalten zu können. Beispielsweise haben wir festgestellt, dass ein niedriger Bildungsstand der Eltern sowie instabile Familienverhältnisse in den ersten 15 Lebensjahren die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Jugendliche in der Altersgruppe der 17 bis 19 Jährigen unverbunden sind.

Was bedeutet diese Entwicklung für den Wohlstand unserer Gesellschaft?

Pfeiffer: Für die Wirtschaft liegt ein Hauptproblem darin, dass die unverbundenen Jugendlichen ihre Potenziale an kognitiven Fähigkeiten (darunter Gedächtnisleistung, Informationsgeschwindigkeit, Assoziation und Logik) nicht ausschöpfen. Der Fachkräftemangel kann sich dadurch künftig weiter zuspitzen. Denn diese Fähigkeiten erreichen in der Altersphase von 17 bis 19 Jahren ihr Maximum. Fehlende Investitionen in dieser Zeit, in der der Kenntnis- und Wissenserwerb für die spätere berufliche Tätigkeit mit geringen Kosten verbunden ist, sind mit vielfältigen negativen Folgekosten verbunden, sowohl für die Jugendlichen wie auch für die moderne Volkswirtschaft. Ein zweites Hauptproblem ist eine mangelnde gesellschaftliche Integration. In dieser Altersphase erwerben Jugendliche Schul- und Berufsabschlüsse und erlernen wichtige Regeln und Normen des Zusammenlebens. Auch hier tun sich bei den unverbundenen Jugendlichen Investitionsdefizite auf, die später nur mit erheblichem Mehraufwand für die Jugendlichen und die Gesellschaft ausgeglichen werden können.

Wie kann die Abwärtsspirale aufgehalten werden?

Pfeiffer: Einerseits müssen die Jugendlichen, die heute unverbunden sind, die Möglichkeit erhalten, Investitionslücken zu schließen. Die dafür benötigten staatlichen Mittel sollten strikt auf benachteiligte Jugendliche konzentriert werden, damit sie auch tatsächlich wirken. Andererseits müssen mehr vorsorgende Maßnahmen ergriffen werden, um möglichst die Benachteiligungen auszugleichen, die schon viel früher, in der Kindheit, beginnen. Diese Mittel müssen aufgestockt werden, und möglichst auf die durch ihre Familienumgebung am stärksten benachteiligten Kinder fokussiert werden. Langfristig, darauf deuten viele Forschungsergebnisse hin, erwirtschaften diese Mittel hohe individuelle und gesellschaftliche Erträge.

Datum

26.08.2010

Kategorie
Schlagworte

Jugendhilfe

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