Das Coronavirus bremst die Weltwirtschaft weiter aus – Chinas Wirtschaft boomt jedoch wie vor der Krise. Die Volksrepublik investiert massiv in Forschung und Innovation (F&I), um sich als wirtschaftlicher und technologischer Spitzenreiter zu etablieren. Wie wirkt sich diese Innovationspolitik auf den wichtigen Handelspartner Deutschland aus?

Bild von Dr. Philipp Böing
Dr. Philipp Böing über Chinas Innovationspolitik und deren Auswirkungen auf deutsche Unternehmen.

Das untersucht Dr. Philipp Böing, Senior Researcher im ZEW-Forschungsbereich „Innovationsökonomik und Unternehmensdynamik“, im Rahmen eines internationalen Verbundprojektes mehrerer Universitäten für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Im Interview mit der ZEWnews erklärt Böing, was er in seinem Forschungsprojekt genau untersucht, wie effizient die chinesische F&I-Politik tatsächlich ist und was die Innovationspolitik für deutsche Unternehmen bedeutet.

Ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich China an die wirtschaftliche und technologische Weltspitze setzt?

Während die führenden Industrieländer nahezu sämtliche Güter aus chinesischer Produktion, zumindest technisch, selbst herstellen könnten, ist dies umgekehrt noch nicht der Fall. China setzt daher auf den weiteren Ausbau der eigenen Innovationskraft und steigert Investitionen in Forschung und Entwicklung. Staatsbetriebe sollen dabei die Führung übernehmen, es wird staatliche Kontrolle über wirtschaftliche Effizienz gestellt. Das politische Ziel technologischer Unabhängigkeit könnte aber auch dazu führen, dass bestehende internationale Technologien durch kostenintensive Neuentwicklungen ersetzt werden, was infolge zu abnehmendem Produktivitäts- und BIP-Wachstum führen kann. Ob ohne die vollständige Entfaltung des chinesischen und internationalen Potenzials die wirtschaftliche und technologische Weltspitze erreicht werden kann, ist also fraglich.

Was untersucht das Forschungsprojekt?

Wir wollen herausfinden, wie effizient die chinesische F&I-Politik im Hinblick auf die Förderung von Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit ist. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Frage, ob Chinas missionsorientierte Innovationsanreize, im Vergleich zu marktorientierten Innovationen, stärkere Produktivitätseffekte generieren. Mit Blick auf Deutschland untersuchen wir, inwieweit sich heimische Unternehmen an den steigenden chinesischen Importwettbewerb anpassen. China ist seit 2014 führend bei deutschen Importen. Für Wirtschaft und Politik ist es also wichtig zu verstehen, ob der Produktmarktwettbewerb mit Unternehmen aus China sowie das zunehmende chinesische Angebot technologisch hochwertiger Vorleistungen im Faktormarkt, die heimischen Innovationsaktivitäten anreizen oder ausbremsen kann.

Wieso wird gerade die F&I-Politik erforscht?

In vielen Ländern adressiert F&I-Politik nicht bloß unzureichende Innovationsanreize, sondern formuliert zunehmend dringende Zukunftsfragen wie Digitalisierung, Klimawandel oder demografische Entwicklung. Im Unterschied zum europäischen Ansatz definiert die chinesische F&I-Politik allerdings nicht nur das „Was“, sondern auch das „Wie“. Dadurch verfolgt sie einen vergleichsweise dirigistischen Ansatz. In der öffentlichen Wahrnehmung wurden die chinesische Industriepolitik und das zeitgleich stattfindende Wirtschaftswachstum häufig kausal interpretiert. Es gibt jedoch deutliche Anzeichen, dass vielmehr der Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, zum Beispiel durch die Privatisierung von Staatsbetrieben und den Wegfall von Wirtschaftsplanung, die relevanten Wachstumsimpulse geliefert hat. Wir versuchen also zu verstehen, ob Chinas omnipräsente F&I-Politik aus ökonomischer Sicht überhaupt einen positiven Beitrag liefert oder ob sie nicht vielmehr zur Fehlallokation von Ressourcen beiträgt.

Wächst durch F&I-Subventionen die Produktivität?

Unsere bisherige Untersuchung für die Jahre 2001 bis 2011 zeigt ein anderes Bild. Zwar steigern die geförderten Unternehmen ihre Gesamtausgaben für F&I, aber wir können keine Änderung des Produktivitätswachstums im Vergleich zu nicht geförderten Unternehmen erkennen. Außerdem gibt es deutliche Schwächen bei der Implementierung der Politik – unsere Forschungsergebnisse zeigen: Nahezu 50 Prozent der geförderten Unternehmen verwenden die Subventionen für nicht vorgesehene Zwecke. Aber selbst bei den Unternehmen, die sich an die Förderbestimmungen halten, finden wir keinerlei Einfluss von F&I-Subventionen auf die Unternehmensproduktivität.

Bremst der chinesische Importwettbewerb die Innovationen von Unternehmen hierzulande aus?

Theoretisch kann der chinesische Importwettbewerb sowohl Anreiz als auch Bremse für deutsche Innovationsaktivitäten sein. Eine umfassende empirische Untersuchung dieser Frage liegt für Deutschland bislang nicht vor, daher sind wir bereits sehr auf unsere Ergebnisse gespannt. Für die USA zeigen bisherige Studien ein negatives Bild, bei anderen Industrienationen gibt es hier differenzierte Erkenntnisse. Da deutsche Unternehmen nicht nur von chinesischen Importen betroffen sind, sondern auch selbst von Exporten nach China profitieren, erwarten wir schlussendlich ein vielschichtiges Bild.

Datum

20.09.2021

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