Wie kann die Integration von Geflüchteten in die Rhein-Neckar-Region gelingen? Dieser Frage ist das interdisziplinäre Projekt „Reallabor Asylsuchende in der Rhein-Neckar-Region“ (Reallabor Asyl) nachgegangenen. Das ZEW war als Projektpartner mit dabei.

Friedhelm Pfeiffer stellt die wichtigsten Erkenntnisse zur Integration von Flüchtlingen dar.
PD Dr. Friedhelm Pfeiffer zur Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt

Im Interview erläutert PD Dr. Friedhelm Pfeiffer, Mitglied im Direktorium des Reallabors und kommissarischer Leiter des Forschungsbereichs „Arbeitsmärkte und Personalmanagement“ die wichtigsten Ergebnisse, die das ZEW durch das gerade abgeschlossene Projekt gewonnen hat.

Für das ZEW stand die Integration von Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt im Mittelpunkt der Forschung. Was genau haben Sie und Ihr Team untersucht?

Wir haben uns auf die Frage konzentriert, wie die Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten  gelingen wird und was wir dazu mit Informationen kurz nach der Ankunft herausarbeiten können. Da der Integrationsprozess Jahre oder gar Jahrzehnte dauern kann, und die Projektlaufzeit auf drei Jahre begrenzt war, haben wir versucht, Hinweise zur Beantwortung der Frage aufbauend auf standardisierten Befragungen der Geflüchteten zu erarbeiten. Ein Fokus lag auf der Analyse der Rolle von Bildung und Arbeitsmarkterfahrung im Heimatland für den Spracherwerb und die Teilnahme am Arbeitsmarktgeschehen Ende des ersten und dritten Jahres nach der Ankunft in Deutschland. Zweitens haben wir die Bedeutung der eigenen Bildung der jungen Geflüchteten relativ zur Bildung im Heimatland und zum Bildungshintergrund ihrer Eltern untersucht. Drittens haben wir in einem experimentellen Forschungsdesign mit Kontrollgruppe erforscht, ob die Teilnahme an einem wöchentlich zwei Stunden dauernden Fußball- und Betreuungskurs die Integration befördern kann. 

 

Was haben Sie herausgefunden über die Geflüchteten in der Region?

Die jungen männlichen Geflüchteten, die an der freiwilligen Befragung teilgenommen haben, waren im August und September 2016 im Mittel knapp 25 Jahre alt. Ihre zusammengefasste Zeit in Schule und Hochschule im Heimatland betrug nach ihren Aussagen im Durchschnitt 8,9 Jahre, bei ihren Vätern 5,9 und bei den Müttern 3,8 Jahre. Im Durchschnitt gaben sie zudem an, 5,5 Jahre erwerbstätig gewesen zu sein. Die meisten Befragten kamen aus Afghanistan, Syrien, Gambia und dem Irak. Man kann davon ausgehen, dass aufgrund von Bürgerkrieg und anderen Fluchtgründen nicht alle Geflüchtete ihre Bildung abschließen konnten. Einschränkend ist ferner zu beachten, dass uns der Inhalt dessen, was in der Bildungszeit gelernt wurde, nicht bekannt ist. Dennoch verdeutlichen die Angaben bereits, dass diese jungen Geflüchteten deutlich weniger Bildung als junge Erwachsene in der gleichen Altersgruppe aufweisen, die in Deutschland oder einem anderem Land Europas aufwachsen. In diesem Alter haben beispielsweise in Deutschland etwa 60 Prozent eine Hochschulzugangsberechtigung erworben und fast die Hälfte studieren, oder haben studiert.

Was wissen Sie über die Geflüchteten im Vergleich zu ihrer Altersgruppe im Heimatland?

Die Gruppe junger Männer in unseren Stichproben befand sich im Mittel länger in Schule und Hochschule als junge Männer in der gleichen Altersgruppe in ihren Heimatländern. Demnach sind sie im Vergleich zur Altersgruppe in ihren Heimatländern wohl besser gebildet. 67 Prozent von ihnen sind zudem besser gebildet als ihre Eltern. Asylsuchende junge Männer, die mit einer längeren Bildung nach Deutschland kommen, weisen 11 Monate nach der Ankunft einen größeren deutschen Sprachsatz auf, und sie gehen auch eher (geringfügigen) Beschäftigungen nach. Für die im Heimatland erworbene Arbeitserfahrung konnte kein eindeutiger Einfluss auf den Arbeitsmarkterfolg in Deutschland gefunden werden. Möglicherweise sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Unterschiede der betrachteten Heimatländer im Vergleich so bedeutsam, dass, abgesehen von der Bildung, die dort im Arbeitsleben erworbenen Erfahrungen in Deutschland nicht oder kaum weiter helfen. Von daher werden für eine gelungene Integration in den deutschen Arbeitsmarkt die Bereitschaft und die Fähigkeit der Geflüchteten wichtig sein, noch einmal neu anzufangen.

Welche Rolle spielen neben der Bildung zivilgesellschaftliche Angebote für die Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten in der Region?

Neben den vielen staatlichen Integrationsmaßnahmen gibt es, so die Erfahrungen in der Rhein-Neckar-Region und anderen Regionen in Deutschland, vielfältige Aktivitäten und Integrationsangebote, die aus der Zivilgesellschaft kommen. Die Forschungen im Reallabor Asyl deuten darauf hin, dass ohne diese Aktivitäten Integration letztlich wohl kaum gelingen kann. Dennoch gibt es nur wenige wissenschaftliche Studien, die solche Aktivitäten erfassen und deren Wirkungen abschätzen. Im Reallabor Asyl wurde zusammen mit dem Verein Anpfiff ins Leben erstmal das Fußball- und Betreuungsprojekt Heimstärke für junge geflüchtete Männer begleitend erforscht. Die Untersuchung zeigte, dass drei Monate nach Beginn der Maßnahme die Teilnehmenden mehr Kontakte zu Einheimischen hatten als junge Geflüchtete in einer Kontrollgruppe, die nicht teilgenommen haben. Auch waren sie zuversichtlicher, einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeit zu finden.

 

Warum ist das so und was bedeutet das für die Integration der Geflüchteten in den deutschen Arbeitsmarkt?

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine längere Bildung im Heimatland auch die Integration in Deutschland befördern wird. Auch Maßnahmen der Zivilgesellschaft können in diese Richtung wirken, wie etwa die Teilnahme an Fußballkursen, die im Rahmen des Reallabors Asyl untersucht wurde. Da unsere Untersuchungsergebnisse für die Rhein-Neckar-Region auf recht kleinen Stichproben beruhen, und die Befragung von Geflüchteten aus anderen Kulturen und zum Teil schlimmen (Flucht-)Erfahrungen noch in den Kinderschuhen steckt, sind Verallgemeinerungen nicht so einfach möglich. Zusammen mit anderen aktuellen Forschungsergebnissen und solchen aus früheren Migrationsprozessen wird jedoch eine wichtige Herausforderungen der Integration der jungen männlichen Geflüchteten mit einem ganz unterschiedlichen Sozialisationshintergrund erkennbar. Sie liegt darin, die jungen Menschen mit möglichst individualisierten und damit ressourcenintensiven Bildungsangeboten soweit zu qualifizieren, dass ein Einstieg in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft gelingen kann.

Datum

19.09.2019

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