Das Gesundheitssystem in Deutschland ist durchschnittlich. So urteilt die OECD in ihrem neuesten Gesundheitsbericht. Das liegt nicht an zu geringen Ausgaben – sowohl in dieser Hinsicht als auch mit Blick auf die Anzahl der Ärzte sowie Betten pro Einwohner liegt Deutschland über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Aber bei der Qualität hapert es – die Sterberate nach Herzinfarkten oder geburtstraumatische Verletzungen sind in Deutschland höher als im Durchschnitt.

Auch wenn internationale Vergleiche wegen der unterschiedlichen strukturellen Voraussetzungen mit Vorsicht zu genießen sind – als Indikator für eine unzureichende Effektivität im Gesundheits­wesen mögen sie dennoch dienen. Wenn dann die Beobachtung hinzukommt, dass das deutsche Gesundheitswesen bei der Digitalisierung im europäischen Vergleich hinterherläuft, dann wird klar, dass Jens Spahn, der neue Gesundheitsminister, eine fulminante Aufgabe vor sich hat. Es wundert schon, warum die Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland – das bei Gesundheitstechnologie und -forschung Spitzenleistung erbringt und dessen Ärzte international gefragt sind – krankt. So ein Problem ist nie monokausal zu erklären, aber ein wesentlicher Faktor ist der hierzulande unzureichend funktionierende Wettbewerb zwischen den Krankenversicherungen. Da den Versicherungen eine immer wichtigere Aufgabe bei der Gestaltung der Versorgung zukommt, wirkt sich dieser Wettbewerbsmangel auf die Qualität aus.

Der beschränkte Wettbewerb wird beim Blick auf die privaten Krankenversicherungen (PKV) offensichtlich. Dadurch, dass ein PKV-Versicherter in jungen Jahren Prämien anspart und diese später nur teilweise bei einem Versicherungswechsel mitnehmen kann, ist ein Versicherungswechsel im Alter so gut wie ausgeschlossen. Damit fehlt ein wesentlicher Anreiz für die PKV, sich für die Versicherten einzusetzen, da diese bei Missfallen nicht einfach den Anbieter wechseln können. Konkrete Vorschläge, dieses Defizit zu beheben, liegen vor, wie beispielsweise die Möglichkeit zur Mitnahme von risikobasierten Rückstellungen. Neue Anbieter am Versicherungsmarkt könnten dann mit besserem Service gezielt auch die älteren Versicherten abwerben.

Im gesetzlichen Krankenversicherungssystem scheint es, als ob der Wettbewerb kein Problem wäre. Zumindest können Versicherte jedes Jahr den Krankenversicherer wechseln. Allerdings manifestiert sich dieser Wettbewerb primär in einem Prämienwettbewerb und nicht im Wettbewerb um das beste Angebot. Ursache hierfür ist unter anderem, dass auch die gesetzlichen Krankenversicherer (GKV) keinen geldwerten Vorteil sehen, wenn sie ihren Versicherten einen besseren Service anbieten. Angenommen, ein neuer App-basierter Service erlaubt den Versicherten eine bessere Kontrolle ihrer Gesundheitsdaten und würde mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu einer Aufschiebung eines Herzinfarkts führen – das wäre eigentlich eine tolle Sache. Aus Sicht der GKV aber würden zum Zeitpunkt der App-Einführung Kosten anfallen, denen kaum finanzielle Vorteile in der Zukunft gegenüber stehen. Denn wenn die Person erst einmal den Herzinfarkt erlitten hat, erhöhen sich die Zuweisungen, die die Krankenversicherung aus dem Gesundheitsfonds erhält.

Das Problem der GKV ist schwer in den Griff zu bekommen, da ein Finanzierungssystem mit einkommensabhängigen Beiträgen einen Risikostrukturausgleich zwischen den Krankenkassen zwingend macht. Aber es würde schon helfen, wenn diese Prob­lematik den Entscheidungsträgern bewusster wäre und wenn die Instrumente, um dagegen vorzugehen, auch erprobt würden. Denkbar wäre etwa, die Zuweisungen an die Krankenversicherer an deren Erfolge bei der Verbesserung der Gesundheit ihrer Versicherten zu knüpfen, wie die Monopolkommission empfiehlt. Flankierend sollten die Kassen mehr Möglichkeiten erhalten, im Wettbewerb neue Versorgungsangebote zu erproben.  

Mit mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts ist der Gesundheitsmarkt einer der relevantesten Märkte in Deutschland. Umso wichtiger ist es, das brachliegende Potenzial in diesem Markt zu heben. Herr Spahn – übernehmen Sie?

Dieser Beitrag ist zuerst am 17. April 2018  in der Welt erschienen.

Datum

25.04.2018

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