Eine wachsende Zahl empirischer Studien der bildungsökonomischen Forschung zeigt die Bedeutung von Persönlichkeitseigenschaften und sog. nicht-kognitiven Fähigkeiten für die Erreichung bestimmter Bildungsgrade und anderer arbeitsmarktbezogener Zielgrößen. Dabei ist der Umstand, dass nicht-kognitive Fähigkeiten bis in das später Jugendalter formbar sind, von besonderer Relevanz in Bezug auf bildungspolitische Maßnahmen. Daher sind neben häuslichen Einflussfaktoren explizit schulische Faktoren und Investitionen im Hinblick auf die Entwicklung dieser Fähigkeiten zu untersuchen. Die vorliegende Studie analysiert den Einfluss einer deutlichen Variation der Lernintensität, d.h. dem Verhältnis aus Lehrinhalt und Lernzeit, im Bereich der Sekundarstufe II auf die Entwicklung nicht-kognitiver Fähigkeiten. Zur Quantifizierung der Persönlichkeit werden neun unterschiedliche Maße verwendet. Diese umfassen die sogenannten Big Five Faktoren, d.h. Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Freundlichkeit und Neurotizismus, sowie ein Maß für Kontrollüberzeugungen nach Rotter, ein Maß der Selbstkontrolle und eine Skala zur sog. positiven und negativen Reziprozität. Zur Identifikation des Zusammenhangs zwischen Lernintensitätsvariation und den erfassten Persönlichkeitsdimensionen nutzen wir ein natürliches Experiment, das sich durch die Umsetzung der der Schulzeitverkürzung am Gymnasium von neun auf acht Jahre (Turbo-Abi) im Land Sachsen-Anhalt im Zeitraum zwischen 2003 und 2007 ergeben hat. Der Zweck der Reform besteht darin, die Schulzeit im Hinblick auf die im Bologna-Prozess vereinbarten Ziele zu verkürzen. Da die Anforderungen im Abitur nahezu unverändert blieben, ging die Reform mit einer Erhöhung der Lernintensität einher. Grundlage der empirischen Analyse sind Daten einer Primärerhebung der Absolventen beider Jahrgänge. Die Ergebnisse geben keinen Hinweis auf einen signifikanten Einfluss der Lernintensitätsvariation auf die untersuchten Persönlichkeitsmaße. Um die Möglichkeit potenzieller Verzerrungen der Ergebnisse durch Alterseinflüsse oder gegenläufig wirkende Rückgänge außerschulischer Faktoren auszuschließen, führen wir gesonderte Analyse für diese Größen durch. Insgesamt zeigen unsere Ergebnisse, dass die Formbarkeit der Persönlichkeit in der späten Jugend durch schulische Faktoren, die die Unterrichtsqualität beeinflussen, kaum mehr möglich ist.

Büttner, Bettina, Hendrik Thiel und Stephan Lothar Thomsen (2011), Variation of Learning Intensity in Late Adolescence and the Impact on Noncognitive Skills, ZEW Discussion Paper No. 11-007, Mannheim. Download

Autoren

Büttner, Bettina
Thiel, Hendrik
Thomsen, Stephan Lothar

Schlagworte

noncognitive skills, human capital formation, learning intensity, natural experiment, Big Five, Locus of Control, Reciprocity, Self-Control