Seit der globalen Finanz‐und Wirtschaftskrise wird die Frage, ob Regierungen antizyklische Fiskalpolitik betreiben sollten, in Wissenschaft und Politik wieder vermehrt diskutiert. In vielen Ländern wurden die Zinsen aufgrund der Schwere der Rezession als erste Maßnahme rasch auf historische Tiefstände gesetzt. Konventionelle geldpolitische Maßnahmen dieser Art reichten aber offensichtlich nicht aus, um die Konjunktur hinreichend zu stabilisieren, so dass Regierungen im weiteren Verlauf der Krise zu fiskalischen Maßnahmen griffen. Das Ziel dieser Studie besteht darin, am Beispiel einer temporären Konsumsteuersenkung die Effekte einer spezifischen fiskalpolitischen Maßnahme mittels eines difference‐in‐difference‐Ansatzes zu bewerten.

Eine Vielzahl von makroökonomischen Studien schätzt die Effekte von antizyklischen fiskalpolitischen Maßnahmen und zeigt, dass Ausgabenerhöhungen oder Steuersenkungen unter bestimmten Voraussetzungen kurzfristig positive Outputeffekte haben können. Im Unterschied zu diesen Studien benutzen wir die Änderung der Unternehmensumsätze auf Basis von Unternehmensdaten als endogene Variable in der Annahme, dass Unternehmensumsätze mit großer Wahrscheinlichkeit mit der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage korreliert sind. Zwar lassen sich auf diese Weise gesamtwirtschaftliche Fiskalmultiplikatoren nicht abschätzen, aber dieser Ansatz hat dennoch einen entscheidenden Vorteil: Da weder das Verhalten noch die Performance des einzelnen Unternehmens Fiskalpolitik beeinflusst, stellt Endogenität bei unserer Schätzung kein dar.

Für eine solche Untersuchung kommt der Türkei besonderes Interesse zu, da hier im Jahre 2009 Konsumsteuern über einen zeitlich begrenzten Zeitraum gesenkt wurden. Zwei Parameter dieser Politikänderung sind für die Schätzung der Effekte von besonderer Bedeutung. Erstens wurden die Steuern vor allem für Gebrauchs‐ und Luxusgüter erheblich gesenkt – mit der Folge, dass aus theoretischer Sicht die Kaufentscheidung zeitlich vorverlegt wird und damit gesamtwirtschaftliche Effekte wahrscheinlicher werden. Zweitens wurden jedoch nicht für alle Gebrauchs‐und Luxusgüter die Steuersätze gesenkt. Dadurch können wir die Unternehmen in zwei Gruppen unterteilen: Unternehmen der Kontrollgruppe verkauften hauptsächlich Güter, die nicht von der Konsumsteueränderung betroffen waren, während die verbleibenden Unternehmen der Experimentalgruppe zugeordnet werden. Unsere Unternehmensdaten decken zusätzlich sowohl Phasen ab, in denen die Steueränderung in Kraft war, als auch solche, in denen die Steueränderung wieder aufgehoben wurde. Durch den Vergleich der Umsatzänderungen über den gesamten Zeitraum innerhalb der Experimentalgruppe wie auch durch den Vergleich zwischen Kontroll‐ und Experimentalgruppe entsteht aus statistischer Sicht eine Konstellation, die einem Experiment ähnelt. Mithilfe dieser Analyse können wir zeigen, dass die temporären Konsumsteuersenkungen signifikante Effekte auf die Umsatzänderung von Unternehmen hatten, die entsprechende Güter und Dienstleistungen herstellten.