Veränderungen im Progressionsgrad von Steuersystemen sind ein zentrales Element vieler diskutierter Steuerreformoptionen. Insbesondere die in osteuropäischen Ländern implementierten Flat Tax-Systeme haben eine vermehrte Aufmerksamkeit erfahren. Verfechter dieser Modelle verweisen auf ihre Einfachheit und die damit verbundenen Anreize zur größeren Steuerehrlichkeit. Allerdings erlauben Steueränderungen in der realen Welt keine eindeutige Identifikation der maßgeblichen Determinanten der Steuerehrlichkeit, weil Steuersystemeffekte kaum von anderen Faktoren isoliert werden können. So ändern sich im Zuge einer Reform oftmals Steuertarife, Verfahren der Steuererhebung und das allgemeine soziale und ökonomische Umfeld gleichzeitig. In diesem Beitrag analysieren wir daher die Effekte einer Reform des Steuerregimes im Rahmen eines Laborexperimentes. Die Teilnehmer sind für eine bestimmte Anzahl an Steuererklärungen mit einem Steuerregime konfrontiert, bevor sie einem anderen Regime unterworfen werden. Der Fokus der Analyse ist dabei die Auswirkung dieser Steuerreform auf das Ausmaß der Steuerehrlichkeit. Die Reform beinhaltet dabei den Übergang von einem progressiven zu einem proportionalen Steuertarif und umgekehrt. Das experimentelle Design ist durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet. Erstens können die Teilnehmer zwischen beiden Steuerregimen wählen, nachdem sie Erfahrungen mit beiden gesammelt haben. Zweitens hängt das zu deklarierende Einkommen im Experiment von einer individuellen Leistung zu Beginn des Experiments ab. Dieses Design induziert einen größeren Anspruch auf das zu versteuernde Einkommen und begünstigt somit die externe Validität der experimentellen Einsichten. Unsere empirischen Resultate bestätigen die Sicht, dass Steuerbefolgung stärker durch einen Regimewechsel im Steuersystem beeinflusst wird, als dies traditionelle Modelle der Steuerhinterziehung erwarten lassen. Im Einklang mit diesen traditionellen Modellen ist das Proportionalsteuersystem aufgrund seines geringeren Steuersatzes durch eine geringere Quote des ehrlich deklarierten Einkommens gekennzeichnet. Weil die Strafe für Steuerhinterziehung proportional zur hinterzogenen Steuer ist, ist es mit einem geringeren Steuersatz weniger riskant, Einkommen nicht zu deklarieren. Darüber hinaus spielt allerdings die Richtung der Reform eine Rolle. Der Übergang von einem progressiven zu einem proportionalen Steuersystem fördert die Steuerehrlichkeit im Vergleich zur umgekehrten Richtung. Dieses Ergebnis verweist auf die Bedeutung des durch das vor einer Reform gegebene Steuerregime definierten Referenzpunktes. Außerdem zeigt sich, dass Reformverlierer dazu neigen, nach einer Reform in stärkerem Ausmaß als Reformgewinner Steuern zu hinterziehen. Wiederum ist dieser Befund im Einklang mit der Sichtweise, dass Referenzpunkte und Aspirationsniveaus das Steuerdeklarationsverhalten beeinflussen. Die Präferenz für eines der beiden im Experiment erlebten Steuerregime ist stark durch die individuellen monetären Interessen getrieben.

Heinemann, Friedrich und Martin G. Kocher (2010), Tax Compliance Under Tax Regime Changes, ZEW Discussion Paper No. 10-020, Mannheim. Download

Autoren

Heinemann, Friedrich
Kocher, Martin G.

Schlagworte

tax reforms, tax compliance, experiment