Die traditionelle ökonomische Theorie geht davon aus, dass Individuen vollständig rational handelnde Akteure sind, die ausschließlich ihren eigenen Nutzen maximieren. Zahlreiche experimentelle Studien zeigen jedoch, dass die Verhaltensannahme des Homo oeconomicus häufig zu kurz greift. Viele Experimentteilnehmer sind nicht ausschließlich auf ihren materiellen Eigennutz fokussiert, sondern haben auch eine starke Präferenz für Fairness und Gleichheit. Im Gegensatz zu bisherigen Untersuchungen, beschäftigt sich die vorliegende Studie mit der Frage, wie beständig diese sozialen Präferenzen sind, wenn Risiko ins Spiel kommt. Im alltäglichen Leben treffen wir eine Vielzahl von Entscheidungen, die Konsequenzen für andere Menschen haben und gleichzeitig gewisse Risiken für unseren eigenen Nutzen wie auch den Nutzen anderer bergen. Stellt man sich beispielsweise einen Schüler vor, der seinem Mitschüler in einer Prüfung abschreiben lässt, so muss dieser seine Bereitschaft, Wissen zu teilen, gegen das Risiko abwägen, erwischt und mit einer schlechten Note bestraft zu werden. Am Arbeitsplatz müssen Arbeitnehmer abwägen, ob sie sich gegenüber ihren Kollegen fair verhalten und wichtige Informationen teilen, wenngleich sie dadurch eventuell ihre Chance auf eine Beförderung verringern. Um die Wechselwirkung von sozialen Präferenzen und Risiko zu untersuchen, misst das Experiment zunächst die individuellen Risikopräferenzen. Hierfür wählen die Experimentteilnehmer in mehreren Entscheidungsproblemen jeweils zwischen einem sicheren Geldbetrag und einer Lotterie, wobei man in der Letzteren mit einem Münzwurf einen kleinen oder großen Geldbetrag gewinnen kann. Im zweiten Teil des Experiments werden die Teilnehmer zufällig in Gruppen von je zwei Personen eingeteilt. Die gleiche Aufgabe wird wiederholt, jedoch entscheidet nun jeder Experimentteilnehmer auch über den (möglichen) Geldbetrag, den ein anderer, anonymer Experimentteilnehmer bekommt. Eine am Ende zufällig ausgewählte Entscheidung bestimmt die Auszahlung beider Teilnehmer. Die Ergebnisse zeigen, dass viele Menschen bereit sind, mehr Risiko für die eigene Auszahlung einzugehen (oder auf einen höheren möglichen Gewinn verzichten), wenn sie hierdurch die Auszahlung eines anderen, anonymen Teilnehmers erhöhen können, der ansonsten einen sehr kleinen Betrag oder gar nichts erhält. Die Bereitschaft von der eigenen Risikopräferenz abzuweichen ist dabei am größten, wenn die Auszahlungen beider Teilnehmer genau angeglichen werden können. Demgegenüber kann jedoch Neid wohlwollendes Verhalten verdrängen, wenn der andere Teilnehmer eine höhere Auszahlung als der Entscheidungsträger selbst bekommt. Die Beobachtungen liefern ein weiteres Indiz dafür, dass ein Bedürfnis nach Fairness und Gleichheit menschliches Entscheidungsverhalten grundlegend beeinflusst.

Schlagworte

social preferences, risk, other-regarding behavior, inequality aversion