Starre Löhne sind häufig Gegenstand der wirtschaftspolitischen Diskussion. Aufgrund des im internationalen Kontext vergleichsweise hohen Lohnniveaus in Deutschland wird dort oft gefordert, die nominalen Löhne sollten nicht weiter steigen oder sogar sinken. In der vorliegenden Studie gehen wir anhand einer neuen Umfrage zum Lohn- und Preissetzungsverhalten deutscher Firmen zunächst der Frage auf den Grund, wie häufig Nominallöhne eingefroren oder gekürzt werden. In den letzten fünf Jahren wurden die nominalen Löhne im Verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungsgewerbe in 16% bzw. 13% der befragten Unternehmen gekürzt. Wesentlich häufiger wurden die Löhne allerdings eingefroren, und zwar mit 46% dreimal so oft im Verarbeitenden Gewerbe und mit 57% viermal so oft im Dienstleistungssektor. Diese Ergebnisse zeigen, dass die deutschen Unternehmen im Beobachtungszeitraum flexibler geworden sind und ihre Löhne einer schlechten Geschäftslage entsprechend anpasst haben. Während das Nominallohnniveau also häufiger im Verarbeitenden Gewerbe als im Dienstleistungssektor abgesenkt wird, verhält es sich mit stagnierenden Löhnen genau umgekehrt. Dieser Sektorenunterschied bleibt auch dann bestehen, wenn man für relevante individuelle Firmencharakteristika, die auf das Lohnsetzungsverhalten einwirken kontrolliert. Hierzu gehören insbesondere die Tarifbindung und die Wettebewerbsintensität auf dem Gütermarkt über Preise. Welche Gründe halten Firmen davon ab, die Löhne ihrer Mitarbeiter zu kürzen? In den Antworten der Firmen zeigt sich, dass Dreiviertel der Arbeitgeber befürchten, die Stimmung der Belegschaft könne im Falle von Lohneinschnitten sinken und die Mitarbeiter könnten ihr Engagement deutlich einschränken. Auch arbeitsrechtliche Vorschriften (60%) und kollektive Tariflohnverträge (40%) hindern die Unternehmen daran, die Löhne ihrer Mitarbeiter zu kürzen. Der wesentliche Unterschied zwischen Dienstleistern und Industrie liegt allerdings in der befürchteten Personalfluktuation. Ein Drittel der Dienstleister sorgt sich vor einem Weggang der besser qualifizierten Mitarbeiter und damit verbundener höherer Kosten der Einstellung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Diese Sorge vor übermäßiger Personalfluktuation dürfte ein entscheidender Grund dafür sein, weshalb unter den Dienstleistern seltener Lohnkürzungen beobachtet werden als im Verarbeitenden Gewerbe Die in der Umfrage erfassten Dienstleisterbranchen sind sehr heterogen. Werden die einzelnen Branchen in ihrer Vielfalt genauer analysiert, so ist festzustellen, dass die jeweiligen nominalen Lohnrigiditäten sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Stagnierende Löhne sind beispielsweise auf dem flexiblen Arbeitsmarkt des IT-Sektors wesentlich häufiger anzutreffen als im Grundstücks- und Wohnungswesen. Analog fällt das Ergebnis bei den Lohnkürzungen aus, die am häufigsten im IT-Sektor und am seltensten im Grundstücks- und Wohnungswesen auftreten.

Bonin, Holger und Daniel Radowski (2008), Sectoral Differences in Wage Freezes and Wage Cuts: Evidence from a New Firm Survey, ZEW Discussion Paper No. 08-097, Mannheim. Download

Autoren

Bonin, Holger
Radowski, Daniel

Schlagworte

Nominal Wage Rigidity, Efficiency Wages, Manufacturing and Services, Germany