Im Vorfeld der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) dominierte eine Abwägung von Hoffnungen und Zweifeln die politische sowie ökonomische Diskussion. Die Hoffnungen ruhten darauf, dass der Euro dem europäischen Binnenmarkt neuen Schwung verleihen könnte, indem er die Transparenz zwischen den Mitgliedsländern erhöht, Wechselkursunsicherheiten beendet und administrative Kosten für Firmen verringert. Als Konsequenz hofften die Euroländer auf eine substanzielle Handelsteigerung - mit allen verbundenen Wohlsfahrteffekten. Die Zweifel bezogen sich darauf, dass manche Länder wohlmöglich Schwierigkeiten haben würden, makroökonomische Schocks im Einklang mit einem System fixer Wechselkurs zu absorbieren. Ohne die Anpassung nominaler Wechselkurse resultieren daraus Ungleichgewichte der realen Wechselkurse und damit auch Verschiebungen der relativen Wettbewerbsfähigkeit. Solche Ungleichgewichte haben andere Handelseffekte als die Auswirkungen einer Handelskostenreduzierung, wie sie normalerweise von einer Währungsunion zu erwarten sind. Von allgemeinen Handelskostenreduktionen profitieren alle Länder gleichermaßen durch steigende Importe und Exporte. Im Gegensatz dazu wirken Währungsungleichgewichte asymmetrisch und treiben Importe und Exporte in unterschiedliche Richtungen gegenüber einer Situation, in welcher die Wechselkurse den Kaufkraftparitäten entsprechen. Damit treiben implizite Währungsungleichgewichte einen Keil zwischen die Leitungsbilanzen der Euromitglieder. Auch die Wohlsfahrtseffekte sind andere. Höhere Exporte als Konsequenz sinkender Handelskosten haben einen klar wohlfahrtssteigernden Effekt. Dies gilt jedoch nicht eindeutig für den Fall impliziter Währungsungleichgewichte, in dem eine Exportsteigerung mit einer Verschlechterung des Realaustauschverhältnisses (terms of trade) einhergeht. In der vorliegenden Studie verwenden wir auf Gravitationsgleichungen basierende Methoden und testen, ob die angesprochenen impliziten Währungsungleichgewichte in der Eurozone einen statistisch signifikanten Effekt auf die Handelsströme ausüben. Zuerst erweitern wir das traditionelle Gravitationsmodell um nominale Wechselkurse. Im erweiterten Modell führt eine Währungsunion zum einen zu einer Erhöhung des Handels gemäß einer "Gravitations-Norm", zum anderen entstehen Abweichungen von dieser Norm, verursacht durch implizite Währungsungleichgewichte. Ausgehend von unseren theoretischen Überlegungen führen wir eine tiefgreifende empirische Untersuchung der zwei Effekte auf Grundlage aktuellster Methodik durch. Wir bestätigen, dass der Euro einen Handelseffekt über den Kanal der Währungsungleichgewichte hat. In Zahlen ausgedrückt ergibt sich folgendes Bild: Ein relativer Anstieg der Lohnstückkosten in einem Land um 10% führt zu einer Exportreduktion um etwa 7%, wenn dieser nicht durch nominale Wechselkursbewegungen ausgeglichen werden kann. Da in der Eurozone sichtbare Unterschiede bezüglich der Wettbewerbsfähigkeit vorherrschen, ergibt sich daraus ein uneinheitlicher Gesamteffekt des Euro auf den Außenhandel der Mitgliedsstaaten. Insbesondere profitieren Deutschland und Österreich von festen Wechselkursen, während sich für Länder wie Irland, Portugal oder Griechenland ein Nachteil einstellt. Wir errechnen zusammenfassende Maßzahlen, um die gemessene Heterogenität abzubilden, die sich bisher jeder Aufmerksamkeit in der Literatur entzogen hat. Unsere Ergebnisse haben große Bedeutung für makroökonomische Entwicklungen in Europa. Wenn es einen Trend hin zu verstärkt unterschiedlichen Handelsmustern innerhalb der Eurozone gibt, können wir auch auf unterschiedliche Aussichten bezüglich der länderspezifischen Stabilität in den Leistungsbilanzen und der Auslandsverschuldungen schließen. Zusammenfassen lässt sich festhalten, dass sich die in den Euro gesetzten Hoffnungen nur für manche Länder zu erfüllen scheinen. Andere werden sich an die Zweifel erinnern.

Hogrefe, Jan, Benjamin Jung und Wilhelm Kohler (2010), Readdressing the Trade Effect of the Euro: Allowing for Currency Misalignment, ZEW Discussion Paper No. 10-023, Mannheim. Download

Autoren

Hogrefe, Jan
Jung, Benjamin
Kohler, Wilhelm

Schlagworte

Euro, gravity model, exchange rates, purchasing power parity, trade imbalances