Steuerreformen, die zur Absenkung des Unternehmensteuersatzes führen, sind Ergebnisse komplexer politischer Entscheidungsprozesse. Daher tendieren Regierungen dazu, einen einmal gewählten Steuersatz für eine längere Zeit beizubehalten. Die Wahl des optimalen Unternehmensteuersatzes kann daher als ein diskretes Entscheidungsproblem betrachtet werden. Diese Untersuchung basiert auf einem empirischen Modell, welches den Zusammenhang zwischen der Entscheidung einer Regierung, ob sie den Steuersatz senken solle, mit dem bestehenden eigenen Steuerniveau und den Steuersätzen der benachbarten Staaten analysiert. Dieser Ansatz betrachtet folglich direkt die politischen Entscheidungen, welche möglicherweise zu dem intensiv diskutierten Phänomen geführt haben, wonach sich die Regierungen in Europa in einem Prozess der schrittweisen Senkungen ihrer Unternehmensteuersätze befnden. Die Analyse basiert auf einem umfangreichen Datensatz von Unternehmensteuerreformen im Zeitraum 1980 bis 2007 in bis zu 32 europäischen Staaten. Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für Senkungen des tariflichen Unternehmensteuersatzes stark von der relativen Position der Unternehmensteuerbelastung eines Landes abhängt. Insbesondere Hochsteuerländer sind deutlich eher geneigt ihren Unternehmensteuersatz zu senken. Zudem findet sich starke Evidenz für einen direkten Effekt der Höhe der Steuersätze in konkurrierenden Standorten auf die Wahrscheinlichkeit einer Steuersatzsenkung. Falls andere konkurrierende Länder ihren Steuersatz senken, dann steigt die Wahrscheinlichkeit einer Steuerreform in einem gegebenen Land signifikant an. Des weiteren verdeutlichen die Ergebnisse einen polit-ökonomischen Aspekt von Steuerreformen. Senkungen der Unternehmensteuer sind viel wahrscheinlicher in Zeiten des Wahlkampfs, was darauf hindeutet, dass solche Reformen vielfach Teil von populären Wirtschaftsprogrammen in Wahlkämpfen sind. Zusammenfassend unterstützen unsere Ergebnisse die Sichtweise, dass der aktuelle Trend hin zu niedrigeren Unternehmensteuersätzen in Europa teilweise durch direkte Interaktionen zwischen der Steuerpolitik der einzelnen Regierungen erklärt werden kann. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die Politik der europäischen Einzelstaaten im Bezug auf Steuersatzsenkungen unter dem Druck der Steuerpolitik konkurrierender Staaten steht. Der Fortschritt der vorliegenden empirischen Analyse ist insbesondere darin zu sehen, dass durch die explizite Berücksichtigung des diskreten Charakters von Steuerreformentscheidungen und der klaren Fokussierung auf Senkungen der tariflichen Steuersätze direkte Evidenz zum Schrittweisen Senkungsprozess der Unternehmensteuersätze herausgearbeitet wird.