Ziel einer Vielzahl empirischer Studien ist es, den Effekt einer Periode der Mangelernährung während der Kindheit auf die gesundheitliche Verfassung im Erwachsenenalter zu bestimmen. In diesem Zweig der Literatur kommt Hungersnöten eine Schlüsselrolle zu, da sie eine vom individuellen Standpunkt exogene Veränderung in der Ernährung darstellen. Die individuelle Ernährungslage ist eine problematische Größe, da sie zum einen endogen ist und zum anderen meist unbeobachtet. In der Kindheit eine Hungersnot erlebt zu haben bedeutet jedoch nicht automatisch auch Hunger gelitten zu haben und umgekehrt. Die gängige Praxis, den Gesundheitheistzustand derer, die während einer Hungersnot gelebt haben, mit der jener zu vergleichen, die früher oder später gelebt haben, kann daher bestenfalls zu einer qualitativen Aussage bezüglich des kausalen Effekts individueller Mangelernährung führen. Der tatsächliche Effekt von Hunger und Unterernährung während der Kindheit wird hierbei erheblich unterschätzt. Die vorliegende Studie leistet einen entscheidenden Beitrag zur bestehenden Literatur: Zum ersten Mal wird die exogene Variation einer Hungersnot mit persönlichen Informationen zu Phasen der Lebensmittelknappheit verknüpft, und somit der kausale Effekt einer Hungerperiode während der Kindheit ermittelt. Der durchschnittliche kausale Effekt von Hunger in früher Kindheit wird hierbei mit Hilfe eines Instrumentenvariablenansatzes geschätzt, wobei verschiedene Hungersnöte als statistische Instrumente eingesetzt werden. Aufgrund dieses Schätzverfahrens können gängige Schwächen der bestehenden Literatur, wie das Problem der Endogenität und des Unterschätzens kontextabhängiger Effekte, behoben werden. Die der Analyse zugrunde gelegten Daten entstammen der Survey of Health, Aging and Retirement in Europe (SHARE), einem europaweiten Längsschnittsdatensatzes mit Informationen zu über 50- Jährigen. Die Teilnehmer der Umfrage werden retrospektiv zu Hungerperioden während ihrer Kindheit befragt. In der vorliegenden Studie wird eine Stichprobe griechischer, deutscher und niederländischer Geburtskohorten analysiert, die im Laufe ihrer Jugend einer der großen Hungersnöte der 1940er Jahre ausgesetzt waren. Es werden verschiedene parametrische und nichtparametrische 2-Stichproben-Instrumentenvariablenschätzer implementiert, um das Problem unvollständiger Erinnerung jüngerer Kohorten zu beheben. Die vorliegende Arbeit macht deutlich, dass Frauen die im Alter von 6-16 einer durch Hungersnöte verursachten Phase des Hungers ausgesetzt waren ein erhöhtes Risiko aufweisen, im späten Erwachsenenalter fettleibig zu werden. Männer, die in der selben Periode Hunger gelitten haben, leiden häufiger unter Bluthochdruck. Wenn Menschen im Mutterleib oder bis zum Alter von 4 Jahren unter Hunger gelitten haben, erhöht sich das Bluthochdruckrisiko bei Frauen um 42 Prozentpunkte, die durchschnittliche Körpergröße bei Männern wird um 3 cm reduziert. Die Autoren finden zudem, dass der normalerweise in der Literatur ermittelte Kontexteffekt einer Hungersnot den tatsächlichen kausalen Effekt einer Mangelernährung häufig um mehr als das dreifache unterschreitet.

Autoren

van den Berg, Gerard J.
Pinger, Pia
Schoch, Johannes

Schlagworte

Nutrition, famine, ageing, developmental origins, height, blood pressure, obesity, twosample IV