Die bisherige Literatur deutet darauf hin, dass reale Lohnreduktionen relativ selten sind. Es gibt bisher jedoch kaum Evidenz dazu, ob einige Beschäftigtengruppen stärker von Lohnreduktionen betroffen sind als andere. Insider–Outsider- und unterschiedliche Versionen von Effizienzlohntheorien sagen vorher, dass Lohnreduktionen selektiv und besonders bei Beschäftigtengruppen konzentriert sind, die für die Wettbewerbsfähigkeit des Arbeitgebers nicht so wichtig sind. In diesem Beitrag untersuchen wir, ob Arbeitgeber, die Reallohnkürzungen durchführen (müssen), dies selektiv tun. Auf der Basis von verknüpften Arbeitgeber–Arbeitnehmer-Paneldaten für die homogene Gruppe junger Arbeitnehmer in den ersten fünf Jahren ihrer ersten Beschäftigung schätzen wir lineare Modelle zur Erklärung der individuellen Wahrscheinlichkeit, eine reale Lohnreduktion zu erhalten. Hierbei berücksichtigen wir unternehmensfixe Effekte, um für permanente Unterschiede bei den Lohnpolitiken der Unternehmen zu kontrollieren. Wir finden deutliche Hinweise auf selektive Lohnreduktionen. Beschäftigte mit einer mittleren Qualifikation und insbesondere Beschäftigte mit einer hohen Qualifikation sind weniger gefährdet, eine Reallohnkürzung zu erfahren im Vergleich zu Beschäftigten mit einer niedrigen Qualifikation. Das Gleiche gilt für Beschäftigte, die gerade erst eingestellt wurden. Wir ergänzen das Lohnresidual eines Beschäftigten aus einer erweiterten Mincergleichung für das vergangene Jahr als Maß für die unbeobachtbare Leistung dieses Mitarbeiters. Hierbei finden wir, dass Beschäftigte mit einem höheren Residuum ein signifikant niedrigeres Risiko einer Lohnreduktion haben. Bemerkenswerterweise zeigen sich die gleichen Selektivitätsmuster für die Subgruppen tarifgebundener Betriebe und solcher mit einem Betriebsrat. Unsere Ergebnisse decken sich mit den Hypothesen aus der Insider–Outsider- und Effizienzlohntheorie, ist jedoch im Widerspruch zu Fairnessüberlegungen, denen zufolge Lohnreduktionen so eingesetzt werden, dass die Lohndispersion innerhalb von Peergruppen sinkt. Unsere Schlussfolgerung ist somit, dass Reallohnreduktionen, obwohl sie im Allgemeinen selten anzutreffen sind, spezifisch die Beschäftigtengruppen treffen, die nicht so wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen sind.

Hirsch, Boris und Thomas Zwick (2013), How Selective Are Real Wage Cuts? A Micro-Analysis Using Linked Employer–Employee Data, ZEW Discussion Paper No. 13-086, Mannheim, erschienen in: LABOUR, Vol. 29, Issue 4, pp. 327-347, 2015. Download

Autoren

Hirsch, Boris
Zwick, Thomas

Schlagworte

real wage rigidity, real wage cuts, selectivity, Germany