Im Vergleich zum Strommarkt für Haushaltskunden in Deutschland ist die Anzahl neuer Wettbewerber, die in den seit Jahren liberalisierten Gasmarkt eingetreten sind, sehr gering. Dies könnte daran liegen, dass sowohl die Gasbeschaffung auf dem Großhandelsmarkt als auch möglicherweise der Transport zwischen unterschiedlichen Großhandelsmärkten innerhalb Deutschlands problematisch sind. Insbesondere die Kapazitätsengpässe der Hochdruckleitungen zwischen den Großhandelsmärkten und die Tarifstruktur stellen Hindernisse für die Händler dar. Zudem sind es die illiquiden Großhandelsmärkte, die den Handel und damit den Wettbewerb nicht richtig aufkommen lassen. Der eigenständige Import aus dem Ausland ist für neue Wettbewerber ebenfalls kaum zu bewerkstelligen, denn die Pipelinekapazitäten an den Grenzen sind mittel- bzw. langfristig ausgebucht. Fünf große Gasimporteure, die einen großen Teil der Verbrauchsmenge nach Deutschland importieren (etwa 90%), betreiben die Pipelines und kontrollieren damit das gesamte Gasfernleitungsnetz in Deutschland. Zwei dieser Gasimporteure, nämlich E.on und RWE, sind auch im Einzelhandel aktiv bzw. halten viele Beteiligungen an ehemaligen Monopolisten im Einzelhandel. Aufgrund dieses Missbrauchspotentials im Groß- und Einzelhandel, das durch die Kontrolle der Wertschöpfungskette begründet ist, untersagte das Bundeskartellamt weitere vertikale Verflechtung bzw. die Eigentumsbeteiligung der Gasimporteure an Einzelhandelsunternehmen in den Jahren 2005/2006 bis 2010.

Das Ziel dieser Analyse ist die Erforschung der Effekte der vertikalen Integration bzw. der Verflechtung der Gasimporteure mit dem Einzelhandelsunternehmen auf die Markteintritte von Wettbewerbern. Denn die vertikal verflochtenen Unternehmen haben möglicherweise den Anreiz den Wettbewerb im Einzelhandel zu verhindern, da Markteintritte zu einem intensiveren Wettbewerb führen. Um dies empirisch zu untersuchen, wurden Querschnittsdaten für etwa 500 Märkte (für September 2009) aus unterschiedlichen Quellen herangezogen. Diese beinhalten nicht nur Informationen über die Eigentumsstruktur, sondern auch über Markteintritte sowie Markt- und Kundencharakteristiken. Für die Schätzung wenden wir das strukturelle Markteintrittsmodell von Bresnahan and Reiss (1991) an. Unsere Schätzergebnisse zeigen keine eindeutigen negativen Effekte auf die Markteintritte, die durch vertikale Verflechtung entstehen könnten. Deshalb war die Aufhebung des aufgehängten Verflechtungsverbots durch das Bundeskartellamt im Jahr 2010 sinnvoll. Allerdings zeigen die Ergebnisse, dass in Märkten mit geringer Gasqualität weniger Eintritte zu beobachten sind, was tiefergehender untersucht werden sollte.