Dieser Beitrag nimmt aus theoretischer und ökonometrischer Sicht zu der Kontroverseüber die Bedeutung der qualifikatorischen Lohnstruktur zur Erklärung derBeschäftigungsstruktur Stellung. Ein erster deskriptiver Teil der empirischen Analysebeschreibt die aggregierten Trends in der Qualifikationsstruktur von Löhnen undBeschäftigung in Westdeutschland von 1975 bis 1990. Im Hauptteil der Arbeit erfolgteine ökonometrische Analyse der Qualifikationsstruktur der Arbeitsnachfrage. Alsempirische Basis für diese Arbeit wird ein Datensatz für 49 Wirtschaftssektorenerstellt, in dem die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes mitder Beschäftigtenstichprobe des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschungverknüpft ist. Basierend auf einer Einteilung in drei Qualifikationsgruppen zeigt sich im ersten deskriptiven Teil der Arbeit, daß sowohl die Entlohnung der unteren als auch der oberen Gruppe relativ zur mittleren Gruppe ansteigt. Gleichzeitig nimmt das Verhältnis von höher qualifizierten Beschäftigten relativ zu niedrig qualifizierten kontinuierlich zu. Innerhalb der Qualifikationsgruppen erhöht sich für mittlere und höhere Qualifikationsniveaus die Intragruppen-Lohndispersion. Insgesamt sind die Lohn- und Beschäftigungstrends kompatibel mit einer Verschiebung der relativen Arbeitsnachfrage zugunsten von Arbeitnehmern mit höheren Qualifikationen. Im Hauptteil der Arbeit werden ökonometrische Schätzungen vorgenommen, um den Einfluß der Lohnstruktur auf die Beschäftigungsstruktur zu erfassen. Neben der Lohnstruktur zwischen den Qualifikationsgruppen wird die Analyse um die Effekte der Lohndispersion innerhalb der Qualifikationsgruppen erweitert. Die Analyse wird getrennt für das Verarbeitende und das Nichtverarbeitende Gewerbe durchgeführt. Es zeigt sich, daß die Reaktion der Arbeitsnachfrage auf Lohnänderungen im Verarbeitenden Gewerbe für die mittlere Qualifikationsgruppe am stärksten ausfällt, während diese Reaktion im Nichtverarbeitenden Gewerbe umso kleiner ist, je geringer das Qualifikationsniveau ist; die einzelnen Qualifikationsgruppen sich im wesentlichen als Substitute darstellen; die Beschäftigung in vielen Fällen auch bei einer erhöhten Lohndispersion innerhalb der Qualifikationsgruppen steigt; ein höherer Kapitalstock im Nichtverarbeitenden Gewerbe die Nachfrage nur nach Beschäftigten mit höherem Qualifikationsniveau begünstigt, während im Verarbeitenden Gewerbe die Beschäftigung von Arbeitnehmern mit niedrigen wie auch mit höheren Qualifikationen (jeweils relativ zur mittleren Gruppe) mit gröierem Kapitalbestand steigt; umgekehrt ein höherer Output im Verarbeitenden Gewerbe die Nachfrage nur nach Beschäftigten mit höherem Qualifikationsniveau begünstigt, während im Nichtverarbeitenden Gewerbe die Beschäftigung von Arbeitnehmern mit niedrigen wie auch mit höheren Qualifikationen (jeweils relativ zur mittleren Gruppe) mit größerem Output steigt. Bei allen Vorbehalten aufgrund verschiedener Probleme der Schätzungen implizieren die Ergebnisse einen signifikanten Einfluß der qualifikatorischen Struktur der mittleren Löhne auf die Beschäftigungsstruktur wie auch eine die relative Beschäftigung steigernde Wirkung einer erhöhten Lohndispersion innerhalb der Qualifikationsgruppen. Damit besteht die Möglichkeit, daß mit einer größeren Lohnspreizung die Lastverteilung der Arbeitslosigkeit bei gegebenem Output, Kapitaleinsatz und technischem Fortschritt in Form einer Erhöhung der Beschäftigung von gering qualifizierten Arbeitnehmern angeglichen werden kann.

Franz, Wolfgang und B. Fitzenberger (1997), Flexibilität der qualifikatorischen Lohnstruktur und Lastverteilung der Arbeitslosigkeit: Eine ökonometrische Analyse für Westdeutschland, ZEW Discussion Paper No. 97-32, Mannheim, erschienen in: Gahlen B., H.Hesse und H.J. Ramser (Hrsg.), Verteilungsprobleme der Gegenwart, Diagnose und Therapie, Tübingen, S.47-79. Download