Innerhalb der Regierung nimmt der Finanzminister eine besondere Position ein. Während seine Kabinettskollegen für bestimmte fachliche Politikbereiche verantwortlich sind, besteht seine Hauptaufgabe in der Aufstellung und Durchsetzung des jährlichen Gesamthaushalts. Je nach Ausgestaltung des Budgetprozesses reicht seine Kompetenz dabei von der Kontrolle der Ist-Zahlen bis zur strategischen Planung der Haushaltsziele für die kommenden Jahre. Da der Finanzminister im Vergleich zu den anderen Fachministern nicht für bestimmte Politikprojekte verantwortlich ist, unterliegt er darüber hinaus weniger starken Anreizen die Ausgabenseite des Budgets überzustrapazieren. Ganz im Gegenteil: Es ist vielmehr die institutionelle Aufgabe eines Finanzministers, den exzessiven Ausgabenwünschen der Fachminister Einhalt zu gebieten. Er ist somit der Minister im Kabinett, der den Haushalt als Ganzes im Blick und damit das größte Interesse an soliden Staatsfinanzen hat.

Jedoch gibt es bis heute nur sehr wenige Studien, die explizit den Einfluss persönlicher Politikermerkmale auf fiskalische Performance untersuchen. Die Innovationen der vorliegenden Arbeit liegen demnach in drei Bereichen: Zum ersten ist es nach bestem Wissen des Autors die erste deskriptive Analyse persönlicher Merkmale europäischer Finanzminister auf der nationalen Ebene. Zweitens erweitert sie die Literatur zu den Bestimmungsfaktoren der Entwicklung der Staatsverschuldung, indem explizit persönliche Merkmale der jeweiligen Finanzminister in das Untersuchungsdesign aufgenommen werden. Drittens ist die vorliegende Untersuchung die erste Studie, die dabei die persönlichen Merkmale von Finanzministern mit denen ihrer jeweiligen Regierungschefs kombiniert.

Die Untersuchungen fokussieren auf drei unterschiedliche persönliche Merkmale von europäischen Finanzministern im Zeitraum 1980 bis 2010: Erfahrung, Ausbildung und Ideologie. Vor allem die fachliche als auch politische Erfahrung eines Finanzministers ist von Bedeutung. Die Zunahme (Abnahme) der Schuldenstandsquote ist geringer (höher), je länger der Finanzminister im Amt ist. Gleiches gilt für den Indikator 'politischer Erfahrung': Je mehr Erfahrung ein Finanzminister in vorherigen Positionen als Kabinettsmitglied gesammelt hat, desto geringer ist das Haushaltsdefizit (desto größer ist der Haushaltsüberschuss). Während der erstgenannte Indikator einem potentiellen Endogenitätsproblem unterliegt, lässt sich der Einfluss 'politischer Erfahrung' darüber hinaus kausal interpretieren. Hingegen haben die Ideologie sowie die Ausbildung eines Finanzministers keinen signifikanten Einfluss auf die Entwicklung der Staatsverschuldung.

Die Ergebnisse stehen im Einklang mit der eingangs erläuterten Theorie: Die institutionelle Funktion eines Finanzministers ist es, übermäßige Ausgabenwünsche der Kabinettsmitglieder einzudämmen. Es ist somit realistisch anzunehmen, dass insbesondere politisch erfahrene und einflussreiche Finanzminister dieser Aufgabe im Besonderen gerecht werden können. Ein Finanzminister, der lange Jahre als Fachminister gearbeitet hat, hat demnach komparative Vorteile gegenüber politisch unerfahrenen Finanzministern erworben, die er in seiner neuen Funktion zur Durchsetzung der Haushaltsziele einsetzen kann.

Schlagworte

public finance, public debt, finance minister, personal characteristics