In nahezu allen Bundesländern mit 13jährigem Abitur wurde eine Verkürzung der Gymnasialschulzeit um ein Jahr beschlossen. Ein wichtiges Argument für diese Reform waren erwartete Wettbewerbsnachteile deutscher Absolventen beim Eintritt in den Arbeitsmarkt aufgrund der im internationalen Vergleich zu langen Ausbildungszeiten. Durch die Reform sollen diese möglichen Nachteile verringert werden, da die Schüler den gleichen Wissensstand bereits nach 12 Jahren erreichen sollen. Sachsen-Anhalt hat diese Reform als erstes Bundesland umgesetzt. Die Verkürzung wurde im Jahr 2007 mit dem Doppelabitur abgeschlossen. Obwohl sich bei Schülern, Eltern und Politikern Zweifel an der Wirksamkeit des "Turbo-Abiturs" im Hinblick auf die angestrebte verbesserte Wettbewerbsfähigkeit regte, liegen bislang keine wissenschaftlichen Ergebnisse zu den Auswirkungen der Verkürzung der Schulzeit bei nahezu unveränderten Anforderungen und der damit verbundenen Erhöhung der Lernintensität (definiert als Lernstoff pro Unterrichtszeit) auf das Wissen, die Fähigkeiten und Kompetenzen der Absolventen vor. In der vorliegenden Studie werden die Wirkungen der Schulzeitreform auf die Leistungen der Absolventen empirisch untersucht. Die Reform, die 2003 angekündigt und umgesetzt wurde, stellt für die betroffenen Schüler eine Art natürliches Experiment dar. Während die Absolventen mit 12 Schuljahren eine deutliche Erhöhung der Lernintensität erfahren haben, hat sich für die Absolventen mit 13 Schuljahren kein Unterschied ergeben. Der Vergleich beider Jahrgänge erlaubt daher die Identifikation der Wirkungen der Erhöhung der Lernintensität bzw. die Evaluation der Reform. Basierend auf einer Primärerhebung werden zunächst die Einflüsse der Erhöhung der Lernintensität auf das Wissen in Mathematik, Deutsch und Englisch analysiert. Hierbei dienen die im schriftlichen Abitur erreichten Punkte als Maß, da beobachtbare Unterschiede in diesen aufgrund der für beide Jahrgänge identischen, zentral vorgegebenen Abiturprüfungen kausal auf die Reform zurückzuführen sind. Die empirischen Ergebnisse unterscheiden sich hinsichtlich der Fächer und des Geschlechts. Insbesondere in Mathematik schneiden die Absolventen des 12. Jahrgangs signifikant schlechter ab als diejenigen des 13. Jahrgangs. Der durchschnittliche Absolvent muss einen erwarteten Punkterückgang von 11% (von 7,8 auf 6,9) hinnehmen, während der Rückgang für die durchschnittliche Absolventin bei 8% (von 7,7 auf 7,1) liegt. Zudem hat die Reform einen signifikant negativen Effekt auf die Englischkenntnisse bei Frauen. Im Fach Deutsch können keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen beiden Jahrgängen festgestellt werden. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass es Ineffizienzen in den Lernintensitäten gibt. Darüber hinaus zeigt sich, dass nicht alle Schüler der gestiegenen Lernintensität gewachsen sind, sondern ein Jahr länger bis zum Abitur benötigen oder mit einem niedrigeren Abschluss die Schule verlassen. Aus der signifikanten Verschlechterung der Mathematikkenntnisse der Abiturienten ergeben sich veränderte Anforderungen für die post-sekundäre Bildung, insbesondere in den Universitäten. Die Ergebnisse verdeutlichen zudem die zentrale Bedeutung der Lernintensität für den Bildungserfolg. Das künftige Augenmerk der Bildungspolitik muss daher weniger auf die Bedeutung der Bildungsquantität sondern stärker auf das Verständnis der Faktoren gerichtet werden, die die Qualität der Bildung beeinflussen.

Autoren

Büttner, Bettina
Thomsen, Stephan Lothar

Schlagworte

student performance, school duration, learning intensity, natural experiment