ZEW-Energiemarktbarometer - Weltweiter Öldurst und Instabilität treiben Preise künftig weiter in die Höhe

Forschung

Trotz des derzeit bereits sehr hohen Niveaus ist auch in den kommenden Jahren nicht mit einer dauerhaften Entspannung beim Ölpreis zu rechnen. 62 Prozent der im Rahmen des ZEW-Energiemarktbarometers befragten 200 Experten aus Energieversorgungs-, -handels- und -dienstleistungsunternehmen und der Forschung gehen jedenfalls von weiter steigenden Ölpreisen in den nächsten fünf Jahren in Deutschland aus, während nur zwölf Prozent einen Preisrückgang prognostizieren.

Preiserhöhungen bereits in den kommenden sechs Monaten erwarten 44 Prozent der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim halbjährlich befragten Experten, doch für immerhin 25 Prozent der Experten sind in diesem Zeitraum sinkende Rohölpreise angesagt. Die Erwartungen für den Mineralölmarkt stellen sich ähnlich dar.

Den Hauptgrund für die stark gestiegenen Rohölpreise sehen 53 Prozent der Energiemarkt-Experten im ungebremsten weltweiten Durst nach Öl. Erst an zweiter Stelle machen sie die unsichere Lage im Nahen Osten für den Preisanstieg verantwortlich. Dem strategischen Verhalten der OPEC räumen sie unter den drei Faktoren nur den dritten Platz ein. Obwohl die OPEC-Staaten rund 40 Prozent der weltweiten Ölförderung repräsentieren, hat Deutschland im Jahr 2003 lediglich 19 Prozent seiner gesamten Rohölimporte von dort bezogen. Deutlich größere Anteile der deutschen Importe kamen aus Westeuropa (34 Prozent). Wichtigster Lieferant bleibt Russland (31 Prozent).

Ökonomisch betrachtet lässt eine steigende Nachfrage den Preis besonders stark steigen, wenn das Angebot nur wenig auf Preisänderungen reagiert. Beim Öl ist dies derzeit - zumindest kurzfristig - der Fall: Nach Einschätzungen des amerikanischen Energieministeriums haben nur noch Saudi Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate nennenswerte Förderkapazitätsreserven. Daher kann der Ölhahn nur beschränkt weiter aufgedreht werden. Auch der Irak kann derzeit nicht seinem langfristigen Potenzial entsprechend liefern, obwohl dort nach Saudi Arabien die zweitgrößten Vorkommen der Welt vermutet werden. Zunächst sind hier enorme Investitionen nötig, um Förderanlagen, Pipelines, Raffinerien und Verladeterminals wieder instand zu setzen. Sowohl für solche Investitionen als auch für eine sichere Versorgung aus Ländern wie Saudi Arabien ist ein verhältnismäßig stabiler politischer Hintergrund wichtig. Dieser ist aber derzeit nicht nur im Irak, sondern auch in Saudi Arabien gefährdet.

Längerfristig spielen für das Angebot auch die weltweiten Reserven an Erdöl eine Rolle. Viele Marktbeobachter erwarten, dass das Fördermaximum schon in den kommenden zwei bis drei Jahrzehnten erreicht wird, so dass sich bald auf den Märkten auch eine Knappheit durch die begrenzten Ölreserven deutlicher bemerkbar machen wird. Verstärkt wird dieser Effekt in den Augen vieler Analysten dadurch, dass die Reserven in den Nicht-OPEC-Ländern schneller abnehmen als in den (mitunter politisch instabileren) OPEC-Ländern. Auch dieser sogenannte "Zitterzuschlag" mag die Erwartung steigender Ölpreise in den nächsten Jahren mit erklären.

Der Hauptgrund für den Ölpreisanstieg, die stark gestiegene Nachfrage, ist sicherlich zu einem Teil durch den Konjunkturaufschwung des größten Ölverbrauchers USA zu erklären. Hinzu kommt die steigende Nachfrage aus Ländern wie China oder Indien. Zwar verbraucht China mit einem Anteil von etwa 8 Prozent am weltweiten Ölkonsum weit weniger als die USA, doch wächst die chinesische Wirtschaft weltweit mit am schnellsten (etwa 9,1 Prozent in 2003). Es ist denkbar, dass hier nicht allein die aktuelle Nachfrage den Preis treibt, sondern auch die Erwartung einer künftig noch weiter steigenden Nachfrage.

Naturgemäß bereitet der hohe Ölpreis der Wirtschaft der Vereinigten Staaten und mittlerweile auch dem Euroraum Sorgen. Es ist zu erwarten, dass sich die gestiegenen Ölpreise auch in den anderen Güterpreisen niederschlagen. So sehen gut die Hälfte der für den ZEW-Finanzmarktreport (Juli 2004) befragten Experten zunehmende Inflationsrisiken für die kommenden sechs Monate.

Über die geeignete Reaktion auf den hohen Ölpreis gehen die Vorstellungen innerhalb der EU auseinander. Tatsache bleibt allerdings, dass der hohe Ölpreis schlicht eine zunehmende Knappheit des Öls anzeigt. Mit einer Senkung der Ökosteuer in Deutschland zu reagieren, hieße daher den Kern des Problems verkennen: Zunächst würde durch die sinkende Steuer das Preissystem so verändert, dass ein Anreiz zu höherem Ölverbrauch entstünde. Eine erhöhte Nachfrage wiederum wirkt preistreibend, arbeitet also dem gewünschten Effekt - niedrigerer Ölpreise - teilweise entgegen.

Anmerkung für die Redaktionen

Das ZEW-Energiemarktbarometer stellt eine halbjährliche Befragung von etwa 200 Experten aus Wissenschaft und Praxis (Energieversorgungs-, -handels- und -dienstleistungsunternehmen) dar, welche zu ihren Erwartungen hinsichtlich der kurz- und mittelfristigen Entwicklungen auf den nationalen und internationalen Energiemärkten befragt werden (kurzfristiger Zeithorizont: 6 Monate, mittelfristiger Zeithorizont: 5 Jahre). Die aktuelle Umfrage, auf der diese Pressemitteilung beruht, wurde im Mai und Juni 2004 durchgeführt.

Ansprechpartner

Dr. Ulf Moslener, E-Mail: moslener@zew.de