Die verstärkte Hinwendung der Volkswirtschaftslehre zur Kriminalitätsforschung hat ihre Ursache in der besorgniserregenden Entwicklung der Kriminalitätsraten in der westlichen Welt und den jüngsten demographischen und sozioökonomischen Problemen wie Jugendarbeitslosigkeit, Migration und wachsender Ungleichheit. Die im Rahmen des Projekts durchgeführten empirischen Untersuchungen bauen auf dem von Becker und Ehrlich entwickelten Kriminalitätsmodell auf. Im Gegensatz zu den Pionierarbeiten dieser beiden amerikanischen Ökonomen konzentrieren sich die im vorliegenden Projekt durchgeführten empirischen Analysen allerdings weniger auf die Überprüfung der Abschreckungshypothese, als vielmehr auf die Untersuchung der gegenwärtig diskutierten Kriminalitätsfaktoren (soziale Kohäsion, Arbeitsmarkt, Einkommensverteilung).

Ökonomische Variablen, welche dazu dienen, die für die Kriminalitätsentscheidung relevanten legalen und illegalen Einkommenserzielungsmöglichkeiten zu approximieren, liefern einen wichtigen Beitrag zur Erklärung von Eigentumsdelikten. Demnach scheint das absolute Einkommen eher als Indikator für die illegalen Einkommenserzielungsmöglichkeiten geeignet. D.h., dass eine Erhöhung des durchschnittlichen Wohlstandsniveaus einen Anstieg der Eigentumsdelikte zur Folge hat ("wo es mehr zu holen gibt, wird auch mehr geklaut"). Die Schätzergebnisse für die relativen Einkommensvariablen zeigen, dass eine ungleichere Verteilung des Einkommens ebenfalls zu einer Zunahme der Kriminalitätsbelastung führt. Diese Variablen stellen ebenso wie die (allgemeine) Arbeitslosenquote, welche ebenfalls als signifikanter Bestimmungsfakor von Kriminalität bestätigt wird, geeignete Indikatoren für die legalen Einkommenserzielungsmöglichkeiten - insbesondere der benachteiligten Bevölkerungsschichten - dar.

Demographische Variablen, die zumeist im Sinne der "sozialen Disorganisationstheorie" interpretiert werden können, erweisen sich erwartungsgemäß als sehr wichtige Bestimmungsgrößen der Kriminalität. Sowohl Indikatoren der ethnischen Heterogenität der Bevölkerung als auch der Urbanisierungsgrad einer Region stellen sich als signifikante kriminiogene Faktoren heraus. Jung und insbesondere jung und gleichzeitig arbeitslos zu sein, erhöht die Neigung zu delinquentem Handeln erheblich. Dieses Ergebnis steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den kriminalitätsbegünstigenden sozialen Interaktionen (Cliquen, Banden), wie sie besonders häufig bei jungen Menschen - insbesondere in unvorteilhaften Lebenssituationen - zu beobachten sind.

Der Vergleich zwischen West- und Ostdeutschland ergibt, dass die statistisch höheren Kriminalitätsraten im Osten nur unvollständig durch die in die Analysen einbezogenen erklärenden sozioökonomischen Variablen abgebildet werden können. Über die Gründe dieses "Osteffekts" lassen sich hier lediglich Mutmaßungen anstellen. Möglich ist, dass Kriminalprävention und Strafverfolgung in Ostdeutschland noch nicht das westliche Effizienzniveau erreicht haben. Eine weitere Erklärung könnte darin bestehen, dass die neu gewonnene Freiheit - zumindest vorübergehend - eine höhere Bereitschaft zur Verletzung sozialer Normen mit sich gebracht hat. Dieses interessante Phänomen sollte im Rahmen zukünftiger Forschungsarbeiten näher untersucht werden

Schließlich betätigen die Schätzergebnisse die Abschreckungshypothese bezüglich der Eigentumskriminalität. D.h., dass höhere Polizeiaktivität, die zu einem Anstieg der Aufklärungsquoten führt, ein geeignetes Instrument zur Zurückdrängung von Eigentumsdelikten darstellt. Im Gegensatz hierzu konnte in den Untersuchungen für Gewaltkriminalität nur ein schwacher Abschreckungseffekt festgestellt werden. Dieses Ergebnis kann dahingehend interpretiert werden, dass Gewaltstraftaten seltener ein rationales Entscheidungskalkül seitens der Delinquenten zugrunde liegt, als dies bei den stark ökonomisch motivierten Eigentumsdelikten der Fall ist.

Neben den skizzierten Forschungsergebnissen resultierte das Projekt in einer intensiven Kooperation des ZEW mit dem Bundeskriminalamt. Diese Verbindung konnte dazu genutzt werden, eine umfassende regionale Kriminalitätsdatenbank aufzubauen, die es dem ZEW ermöglicht, seine Aktivitäten auf dem Gebiet der empirischen Kriminalitätsforschung weiter zu intensivieren.

Ausgewählte Publikationen

Beiträge in referierten Fachzeitschriften

Beiträge in Fachzeitschriften

Entorf, H. und Hannes Spengler (1998), Ökonomik der Kriminalität, WiSt 27, 348-353.

Discussion Papers und Working Papers

Entorf, H. und Hannes Spengler (1998), Socio-economic and demographic factors of crime in Germany: Evidence from panel data of the German States, ZEW Discussion Paper No. 98-16, Mannheim, LLL:citation.label.journal: International Review of Law and Economics 20.. Download

Entorf, H. und Hannes Spengler (1998), Kriminalität, ihre Ursachen und ihre Bekämpfung: Warum auch Ökonomen gefragt sind, ZEW-Dokumentation LLL:citation.label.number 98-01, Mannheim. Download