Der Beitrag ist in den ZEWnews Juli/August 2003 erschienen.

Zehntelprozente

Wirtschaftsprognosen geraten in der Öffentlichkeit, aber auch in der wirtschaftswissenschaftlichen Profession zunehmend in Misskredit. Leider sind daran die prognostizierenden Institutionen nicht ganz schuldlos.

Das hat nichts mit dem Kalauer zu tun, dass Prognosen besonders schwierig sind, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen, wie der bekannte Komiker Karl Valentin dem Vernehmen nach schon in den 1930er Jahren sarkastisch bemerkte. Vielleicht ist das aber der Grund, warum das Bundesarbeitsgericht schon Anfang der 1980er Jahre im Rahmen einer Entscheidung zum Kündigungsschutz vorsichtshalber von einer "Zukunftsprognose"(sic!) sprach, um damit in der einschlägigen Rechtsprechung etwaigen Missverständnissen vorzubeugen. Denn immerhin ist denkbar, dass man sich - wie in dem Film "Zurück in die Zukunft" - hypothetisch in die Vergangenheit versetzt und dort in fröhlicher Unbekümmertheit prognostiziert.

Keinesfalls steht des Weiteren die Professionalität, mit der Prognosen erstellt werden, zur Diskussion. Die beteiligten Institutionen befleißigen sich ausgefeilter und wissenschaftlich fundierter Methoden und erläutern sorgfältig die Annahmen, die ihren jeweiligen Prognosen zugrunde liegen.

Die Rede ist vielmehr vom Kampf um die Zehntelprozente. Innerhalb weniger Wochen wurden unlängst die Prognosen für die diesjährige Veränderungsrate des realen Bruttoinlandsprodukts von 0,75 v.H. über 0,5 v.H. auf 0,3 v.H. und dann auf 0,0 v.H. und schließlich auf -0,2 v.H. vermindert, teilweise von denselben Institutionen. Begleitet wurde dies jeweils von Schlagzeilen im Wirtschaftsteil angesehener überregionaler Tageszeitungen, die sicherlich nicht bei allen prognostizierenden Institutionen auf erbitterten Widerstand stießen. Dabei - und das ist der springende Punkt - lagen alle genannten Prognosewerte innerhalb eines plausiblen Prognoseintervalls. Es ist völlig müßig, darüber zu streiten, ob sich die betreffende Vorhersage auf 0,5 v.H. oder 0,3 v.H. beläuft, denn es gibt keinen signifikanten Unterschied. Anders formuliert: Nur mit einer minimal höheren Wahrscheinlichkeit trifft der Wert 0,3 v.H. eher zu als die Werte 0,5 v.H. oder 0,1 v.H., und das Getöse um den "neuesten" Prognosewert würde bei den Fachleuten einen Lachkrampf auslösen, wäre die Situation nicht so bedenklich für die Reputation der empirischen Wirtschaftsforschung.

Denn die Öffentlichkeit muss den Eindruck gewinnen, dass sich die Halbwertzeiten von Prognosewerten rasant verkürzen. Dies ist jedoch nur bedingt der Fall, weil sich die Vorhersagen kaum unterscheiden. Gleichwohl wird in der Öffentlichkeit daraus auf die Qualität der empirischen Wirtschaftsforschung geschlossen und in den Medien immer häufiger die Leistungsfähigkeit der Prognosen thematisiert, verbunden mit der Frage, wieso der Steuerzahler eigentlich dafür Geld ausgeben solle - von tiefer gehenden und an die Existenzberechtigung diverser Institute zweifelnden Diskussionen erst gar nicht zu reden.

Zur Remedur dieser misslichen Entwicklung bieten sich zwei Maßnahmen an. Zum einen stellen die Prognostiker wesentlich stärker als bisher oder sogar ausschließlich die Prognoseintervalle heraus, selbst wenn die Medien gleichwohl ihren Fokus auf den mittleren Wert der genannten Bandbreite richten. Zum anderen geben die Institutionen ihre Prognosen zusammen im Frühjahr und/oder Herbst heraus, so hinderlich dies mitunter für die eigene Profilschärfung sein mag. Für die dazwischen liegenden Zeiträume reicht die Veröffentlichung von Stimmungsindikatoren, mit denen die Erwartungen von Unternehmen oder Analysten erfasst werden - ein Schuft, wer bei der letzten Bemerkung Arges denkt.

Datum

10.07.2003

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