Der Beitrag findet sich in den ZEWnews Oktober 2004.

Wir evaluieren uns noch kaputt. Nein, diesmal steht ausnahmsweise nicht die aktive Arbeitsmarktpolitik zur Diskussion, sondern die Wissenschaft im weiteren Sinn. Hier entwickelt
sich ein durchaus berechtigtes Anliegen allmählich zur Plage, wenn nicht gar zur Besessenheit.

Wenn ich den Posteingang eines Monats Revue passieren lasse, so finden sich darin unter anderem Projektanträge renommierter Stiftungen, die ihrer Begutachtung harren, wissenschaftliche Beiträge, um deren Prüfung der Herausgeber einer renommierten Zeitschrift ersucht, Bitten um Mitwirkung in auswärtigen Berufungs- oder Strukturkommissionen, regelmäßige Anfragen, ob ich mich doch bitte an der ein oder anderen Evaluierungskommission aktiv beteiligen möchte, freudige Briefe von (unternehmerischen) Stiftungen, die mir die Einrichtung eines wissenschaftlichen Beirats kundtun, verbunden mit dem ehrenvollen Angebot, eben diesem beizutreten, diverse Anliegen von Studierenden um ein Gutachten für potenzielle Studienplätze, Praktikantenstellen oder Jobs im In- und Ausland. Die Aufzählung ließe sich fortführen.

Die Liste auf Seiten der Evaluierten kommt ebenso arbeitsintensiv daher. Um bei der eigenen Erfahrung zu bleiben, so werden die Projekte eines Wirtschaftsforschungsinstituts zunächst und vor allem von den Auftrag- oder Drittmittelgebern sorgfältig überprüft, also von den zuständigen Instanzen bei der Europäischen Union, den Bundesministerien oder privaten Institutionen und Unternehmen sowie den Forschungsförderinstitutionen wie etwa der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Des Weiteren nimmt der wissenschaftliche Beirat des ZEW seit Jahren dankenswerterweise eine intensive Überprüfung der Qualität der wissenschaftlichen Arbeit vor. Darüber hinaus soll er künftig alle zwei Jahre eine umfassende Bewertung an die Leibniz-Gesellschaft erstellen, die ihrerseits etwa alle sieben Jahre eine Hauptevaluation des Instituts vornimmt. Des Weiteren berichtet der wissenschaftliche Beirat regelmäßig dem Aufsichtsrat, der einerseits per Gesetz verpflichtet, andererseits erfreulicherweise aber auch aus eigenem Antrieb und Neugier an der wissenschaftlichen Arbeit diese begutachtet und uns mit konstruktiven Vorschlägen und viel Ermunterung begleitet. Die insgesamt betrachtet nahezu permanenten Überprüfungen seitens der Wirtschaftsprüfer, der Preisprüfungsstelle, der Berufsgenossenschaften, der Krankenkassen, des Finanzamts und schließlich des Rechnungshofs seien lediglich am Rande erwähnt. Kurzum, wir haben keinen Grund, uns über mangelnde Aufmerksamkeit diverser Evaluatoren zu beklagen.

Wird des Guten nicht zu viel getan? Rechtfertigen bisherige gute Leistungen - so vorhanden - nicht einen größeren Vertrauensvorschuss anstelle einer nahezu permanenten Überwachung? Opfern wir bei den Wissenschaftlern nicht zu viel Zeit für Evaluationen zu Lasten ihrer eigenen Forschungsaktivitäten? Denn verständlicherweise möchte man die Evaluation nur ausgewiesenen Wissenschaftlern anvertrauen, sodass praktisch je nach Fachrichtung meistens die "üblichen Verdächtigen" zu Rate gezogen werden. Besteht nicht die Gefahr, dass diese der Evaluationsaktivitäten allmählich überdrüssig werden, zumal ihre Karriere nur von der Anzahl ihrer Publikationen in hochrangigen Zeitschriften abhängen soll? Wird nicht ein wenig zu viel Zeit bei den wissenschaftlichen Einrichtungen zwecks Vorbereitung auf die jeweilige Evaluation verwendet? Denn naheliegenderweise muss jede Evaluation sehr ernst genommen und aufwändig angegangen werden.

Noch einmal und unmissverständlich: Kritische Evaluationen sind ohne Zweifel eine absolute Notwendigkeit. Sie sind in der Vergangenheit sträflich vernachlässigt worden. Nur sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.

Datum

14.10.2004

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