Der Beitrag findet sich in der Mai-Ausgabe der ZEWnews

Weltmeister

Die zahlreichen Talkrunden im Fernsehen sind vielfach alles andere als ergötzlich, aber mitunter lehrreich. Beispielsweise wenn es um die Argumente gegen die hierzulande bereits implementierten oder diskutierten Reformmaßnahmen geht. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die Behauptung, mit Deutschlands internationaler Wettbewerbsfähigkeit könne es schon deshalb nicht so schlecht bestellt sein, weil wir ja bekanntlich Exportweltmeister seien. Also liege die Ursache unserer Probleme nicht auf der Angebotsseite, sondern sei einer unzureichenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage geschuldet.

Nur Erbsenzähler werden einwenden, wir seien lediglich Exportvizeweltmeister. Das ist doch auch schon etwas: Haben wir uns nicht über den Vizeweltmeister Deutschland bei der letzten Fußballweltmeisterschaft gefreut? Wie dem auch immer sein mag, leider besagt selbst der Titel "Exportvizeweltmeister" nicht viel, und schon gar nicht taugt er als Beleg für eine ungebrochene internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Zumindest die beiden folgenden Überlegungen sollten zu vertieftem Nachdenken anregen.

Erstens ist dieser Titel zu einem Teil der Aufwertung des Euros geschuldet. Das klingt paradox, weil eine Aufwertung der heimischen Währung unsere Exporte im Ausland verteuert und es so gesehen doch eine wahrhaft meisterliche Leistung ist, an der Weltspitze der Exporte zu stehen. Gemach. Wenn die Exporte des vergangenen Jahres der Vereinigten Staaten und Deutschlands in Höhe von fiktiv 100 Dollar beziehungsweise 100 Euro mit einem Dollar/Euro-Wechselkurs von eins umgerechnet werden, stehen sich beide Länder mit 100 Währungseinheiten gleichauf. Wählt man aber den derzeitigen Wechselkurs, sagen wir 1,20 Dollar/Euro, dann belaufen sich die seinerzeitigen Exporte der beiden Länder auf 83 Euro (USA) beziehungsweise 100 Euro (Deutschland) oder 100 Dollar (USA) beziehungsweise 120 Dollar (Deutschland). So einfach kann man Weltmeister werden.

Zweckmäßigerweise sollte man Anteile als Vergleichsmaßstab wählen, dann aber ergibt sich ein nicht unbedingt weltmeisterliches Bild: Nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank vom Oktober 2003 sank der Anteil Deutschlands am realen Intra-Export des Euroraums von knapp 30 vH Anfang der 1990er Jahre auf gut 25 vH im vergangenen Jahr (mit Besserungstendenzen Ende der 1990er Jahre). Ein ähnliches Bild ergibt sich für den Anteil Deutschlands am realen Weltexport. Er sank von knapp 12 vH Anfang der 1980er Jahre auf rund 9 vH, ist seit Mitte der 1990er Jahre jedoch auf gut 10 vH im Jahr 2002 gestiegen.

Zweitens muss deshalb Wasser in den Wein des Export(vize)weltmeisters gegossen werden, weil ein wachsender Anteil der Exporte Deutschlands nicht auf einer hiesigen Wertschöpfung, sondern auf importierten Vorprodukten beruht. In den 1990er Jahren sank der Anteil der exportinduzierten hiesigen Wertschöpfung an den Exporten insgesamt um mehr als zehn Prozentpunkte, nämlich von 72 vH auf knapp 61 vH. Die Automobilindustrie, aber nicht allein sie, stellt dafür ein gutes Beispiel dar. Zahlreiche Einzelteile eines Autos werden im kostengünstigeren Ausland produziert, importiert und hier zusammengebaut. In der Exportstatistik erscheint indes der Gesamtwert des Autos. Um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das ist kein Vorwurf gegen den Import von Vorprodukten, selbst wenn dieser auf Grund von Betriebsverlagerungen ins Ausland zustande kommt. Die Bezeichnung "unpatriotisch" für solche Unternehmen ist völlig deplaziert, um es freundlich auszudrücken. Wenn schon, dann gebührt dieses Adjektiv beispielsweise der Steuer- und Lohnpolitik, die mitverantwortlich für den Exodus inländischer Arbeitsplätze sind.

Es wäre verhängnisvoll, wollte man sich hierzulande auf den Lorbeeren eines tatsächlichen oder vermeintlichen Exportweltmeisters ausruhen und zur Tagesordnung übergehen. Das sollten sich die Arbeitnehmer von Populisten nicht einreden lassen.

Datum

10.05.2004

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