ZEW Lunch Debate in Brüssel - Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt verändern

ZEW Lunch Debate in Brüssel

Die Digitalisierung schreitet schnell voran und prägt dabei die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren. Gleichzeitig halten Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zunehmend Einzug in die Arbeitswelt. Die Digitalisierung der gesamten Wertschöpfungskette gilt als erstrebenswertes Ziel und soll zu stärkerem Wachstum und mehr Innovationen führen. Bisher haben hauptsächlich asiatische und US-amerikanische Konzerne den digitalen Wandel geprägt. Um Europa in diesem Bereich wieder international wettbewerbsfähig zu machen, hat die Europäische Kommission die "Digitale Agenda für Europa" ins Leben gerufen. Mit welchen Herausforderungen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft auf diesem Weg zu rechnen ist, stand im Mittelpunkt der Lunch Debate "Europe's Digital Future: Prospects and Challenges" des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am 17. Februar 2016 in der Brüsseler Vertretung des Landes Baden-Württemberg bei der EU.

"Die Digitalisierung muss immer von zwei Seiten betrachtet werden", betonte ZEW-Präsident Prof. Dr. Clemens Fuest bei der Eröffnung der Veranstaltung. Zum einen biete die Digitalisierung fast unzählige Möglichkeiten für neue Entwicklungen. Auf der anderen Seite stehe die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, differenzierte der Ökonom vor rund 70 Gästen, darunter Vertreterinnen und Vertreter des Europäischen Parlaments und der EU-Kommission sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Wissenschaft, Industrie und Zivilgesellschaft.

Eine dieser Möglichkeiten sei der Schritt weg von der Massenproduktion hin zu individualisierten Produkten, erklärte Prof. Dr. Irene Bertschek, Leiterin des IKT-Forschungsbereichs am ZEW, in ihrem Einführungsvortrag. Die Ökonomin zeigte auf, dass in Europa zahlreiche nationale und transnationale Digitalisierungsvorhaben vorangetrieben würden. Allerdings sei die Digitalisierung "ein sehr komplexes Vorhaben". Somit bestehe die Notwendigkeit sich auf einige Hauptziele zu konzentrieren: Zentral seien der Breitbandausbau, der Datenschutz, die Förderung der Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft und die Qualifizierung der Arbeitnehmer.

"Arbeitnehmer müssen die gleichen Rechte und Sicherheiten behalten"

Wie weit diese Vorhaben fortgeschritten sind, erläuterte Lucilla Sioli, Ph.D., Referatsleiterin "4. Europäisches Semester und Wissensbasis" bei der Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien (DG Connect) der EU-Kommission. "Die Digitalisierung ist in Europa sehr unterschiedlich vorangeschritten", stellte Sioli in ihrer Präsentation fest und unterstrich, wie wichtig ein integrierter europäischer Markt sei, um die Wachstumschancen, die sich aus der Digitalisierung ergäben, zu nutzen. Bis dahin sei es allerdings noch ein langer Weg.

Die anschließende Podiumsdiskussion, die von Clemens Fuest moderiert wurde, eröffnete Laurent Zibell, Ph.D., politischer Berater für Technologie, Innovation und IKT im Gewerkschaftsverbands IndustriALL European trade union: "Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt verändern." Die Produktivität werde sich erhöhen, was aber nicht auf Kosten der Arbeitnehmer passieren dürfe, so Zibell. "Arbeitnehmer müssen auch in der Digitalisierung die gleichen Rechte und Sicherheiten behalten, die sie bereits heute haben", pflichtete ihm Sioli bei. Irene Bertschek betonte, dass die Folgen für die Arbeitnehmer in vielen Bereichen noch nicht absehbar seien: "Studien des ZEW zeigen, dass beispielsweise Crowd-Working für viele insbesondere junge Leute ein zweites Standbein ist und herkömmliche Arbeitsmodelle nicht zwangsläufig bedroht."

"Überregulierung erstickt positive Entwicklungen im Keim"

ZEW-Präsident Fuest warf im Anschluss die Frage auf, ob es sowohl zu einer Verschiebung des Einflusses zwischen Unternehmen als auch zwischen Staaten kommen könne. "Zwischen Firmen hat sich die Macht schon verlagert – weg von der Realwirtschaft hin zur Internetwirtschaft", betonte Zibell. "Allerdings erhöht das Internet auch die Sichtbarkeit von kleineren Unternehmen, die somit von einem größeren Markt profitieren können", sagte Sioli. Die Entwicklungen müssten weiter genau beobachtet werden, damit keine zu einflussreichen Konglomerate entstünden. Dies sei Aufgabe der Regierungen und der EU-Kommission.

In diesem Zusammenhang forderte Zibell eine stärkere Regulierung natürlicher Monopole. "Es sollte nicht überreguliert werden, da so positive Entwicklungen schon im Keim erstickt werden", widersprach ZEW-Ökonomin Bertschek.

Neben der Veränderung der Arbeitswelt warf die Debatte weitere Aspekte des digitalen Wandels auf: Wo finden zukünftig Innovationen statt, in Europa oder im Silicon Valley? Welchen Nachholbedarf hat die EU beim Ausbau seiner Netzinfrastruktur? Fragen, die deutlich machten, in wie vielen Bereichen noch weitere Forschung notwendig ist.

Bei der Diskussionsreihe ZEW Lunch Debates kommen seit 2014 Expertinnen und Experten zusammen, um zur Mittagszeit aktuelle wirtschaftliche Herausforderungen für Europa zu diskutieren. Die regelmäßig in Brüssel stattfindende Veranstaltung bietet Gelegenheit zur kontroversen, offenen und engagierten Debatte.

Nähere Informationen zur Reihe ZEW Lunch Debates sowie die Termine der kommenden Veranstaltungen